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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 4 · p. 241

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 4
Article
Psychoanalyse und Kulturphilosophie
Date
1930-01-01
Page
241 (sequence 1)
Language
German
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Psychoanalyse und Kulturphilosophie. Von Albert Lewkowitz in Breslau. Der Inhalt aller Menschenweisheit ist die Deutung der Stellung des Menschen im Kosmos, ist Selbsterkenntnis. Auf die Frage: Was ist der Mensch? antworten die Religionen und Philosopheme der Völker. Und nichts führt tiefer in die Problematik der Frage, als die entgegengesetzten Antworten, die diese Frage gefunden: ein Ebenbild Gottes, ein denkendes Wesen, zum Leben in menschlicher Gemeinschaft bestimmt, Bürger der Welt, in die Vielheit der Völker, der Stände, Klassen und Berufe geteilt, untertan den Gewalten der Natur und voller Begier und Kraft, sie zu beherrschen, in unersättlicher Selbstsucht einander befehdend und vernichtend und Schöpfer der der Selbstzucht entstammenden Kultur der Wissenschaff, der Sittlichkeit, der Kunst, der Religion. Gibt es angesichts dieser Verschiedenheiten im Wesen des Menschen eine einheitliche Antwort auf die Frage nach dem Wesen des Menschen? Es ist die prinzipielle Bedeutung der Freudschen psychologischen und kulturphilosophischen Arbeiten, eine solche Antwort zu geben. Ihren Sinn und ihre Wahrheit wollen wir prüfen. Wenn irgend Psychologie nicht bloß Erkenntnis des Mechanismus des psycho-physischen Apparates ist, sondern Erkenntnis der menschliehen Psyche sein will, dann kann Psychologie nicht auf die Lösung der Frage nach dem Wesen des Menschen verzichten. Und es ist ein Verdienst Freuds, in der Kraft seiner wissenschaftlichen Selbständigkeit die Psychologie aus der Untersuchung bloßer psychophysischer Vorfragen herausgehoben und sie auf die Erkenntnis des psychologischen Sinnes psychischer Phänomene gerichtet zu haben. Mit dem Tiefblick des Forschers, der im scheinbar Zufälligen die Lösung des Problems entdeckt, erkennt Freud in den scheinbar psychisch belanglosen Fehlleistungen des Versprechens, Verlesens, Vergessens eine bisher nicht gesehene Wirkung psychischer Kräfte. Nicht bloßes Nachlassen der Aufmerksamkeit, Zerstreutheit oder gar physiologische Ursachen wie Ermüdung sind die Ursachen dieser eigenartigen Phänomene. Denn die Art des Versprechens, wie man sich verspricht, verliest, verhört, was man vergißt, gibt einen Hinweis auf die psychischen Kräfte, die die wahren Ursachen der Fehlleistungen sind. Man verspricht, verliest, verhört sich nicht zufällig, sondern grade im Versprechen, Verlesen, Verhören setzen sich Willensziele, Motive durch und durchkreuzen unser bewußtes Denken, Wollen, Handeln. Fehlleistungen entstehen durch die Interferenz von zwei verschiedenen Intentionen, die einander stören und sich beide, wenn auch nur teilweise durchsetzen. ,,Wir wollen die Erscheinungen nicht bloß beschreiben und klassifizieren, sondern sie als Anzeichen Monatsschrift, 74. Jahrgang. 16

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