Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 74 (1930)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur wissenschaftlichen Talmudpflege [Rezension]
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 182 (sequence 11)
- Language
- German
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182 ,,Handbuch der Judenfrage“ geschrieben wurde, mußte dem Talmud schon seiner Zielsetzung zufolge größeren Raum geben. Doch geht sein neues Buch über das erstere weit hinaus, zunächst darin, daß es nachzuweisen sucht, welche Wichtigkeit dem Talmud als Hilfsmittel zum besseren Verständnis des Neuen Testaments und des Urchristentums zukommt. Man vergleiche im besonderen die Ueber- Schriften: Aussagen des Talmud über Jesus (S. 82), Bedeutung für Theologen, Historiker usw. (S. 88). Das Passahmahl wird im Hinblick auf das Abendmahl behandelt (S. 128 ff.). Ebenso wird das Dreimalheilig der christlichen Liturgie aus der jüdischen Liturgie erklärt (S. 136 ff.). Man vergleiche noch Wundergeschichten (S. 30) und andere Ueberschriften. F.s aufrichtiges Bestreben, den Talmud als Hilfsquelle für Aufhellung von Fragen, die in sein eigenes theologisches Gebiet gehören, ist nicht zu verkennen. Diesem Ziele entspricht es auch, daß der Verfasser jeder Apologetik und jeder Polemik behutsam aus dem Wege geht. Er gibt den Quellen das Wort und ist mit seinen Kommentaren und sachlichen Aufschlüssen recht sparsam. Man merkt allerdings, daß F. die judenfeindlichen Angriffe gegen den Talmud gut kennt. Daraus erklärt sich zunächst die getroffene Auswahl im zitierten Stoff. Außer den Stücken, die für neutestamentliehe und urkirchliche Studien in Betracht kommen, sind fast nur Stellen' aufgenommen, die in neuerer Zeit von judengegnerischen Organen als Zündstoff aufgegriffen wurden. Es sind meistens Stellen, die schon ziemlich lange in den Dienst judenfeindlicher Agitation gestellt wurden. F. geht aber hier auf die Angriffe nicht näher ein und begnügt sich mit kurzen Erklärungen und fast unvermerkten Berichtigungen. Aus der Kürze des Buches mag es sich erklären, daß Parallelen aus anderen Literaturkreisen fast ganz wegblieben.— Eisenmenger wird indes nicht allzu kritisch beurteilt. F. sieht im ,,Entdeckten Judentum“ eine reiche Fundgrube und meint, daß durch die vollständige Wiedergabe der Quellen man ohnehin die Uebersetzungen prüfen und berichtigen könne. Einen objektiven Forscher mag dies bis zu einem gewissen Grade beruhigen. Die Tatsache der Feindseligkeit Eisenmengers äußert sich aber nicht nur darin, daß er die jüdischen Quellen unliebsam gedeutet oder geradezu falsch übersetzt und verstanden hat, sondern noch mehr darin, daß er nur Unliebsames ausgesucht und zusammengestellt hat, ohne auf die. zugehörigen geschichtlichen Besonderheiten hinzuweisen. Auswahlen unliebsamer Texte waren es ja in der Hauptsache, die auch in den erbitterten Kämpfen zwischen den verschiedenen Konfessionen des Christentums die erste Rolle spielten. Und wäre Eisenmenger, wie F. meint, nur von christli ch-dogmatischen Erwägungen ausgegangen (S. 71), dann hätten all die Texte wegbleiben müssen, für die sich gute Parallelen in den Werken christlicher Moraltheologen finden. — Ein Einfluß der Zeit mag es auch sein, daß F. den Talmud in etwas erweitertem Sinne nimmt. Auch Kabbala und Kol Nidre (S. 72 f., 99 ff.) werden hier behandelt. Ja es fehlt auch der Blutaberglaube und Ritualmord nicht (S. 74 ff.). F. weist die Anklagen in kurzer, aber sehr bestimmter Form zurück.