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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 3 · p. 161

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 3
Article
Sitten und Sagen
Date
1930-01-01
Page
161 (sequence 1)
Language
German
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Von J. Bergmann in Berlin. I. Das heilige Buch. Im tibetanischen Buddhismus läßt man heilige Texte in Gebets- Zylindern rotieren, um eine glückbringende Wirkung hervorzurufen1. Als kräftige Waffe gegen die Dämonen galt im Parsismus das Gebet, besonders aber die Rezitation der heiligen Schrift und das Hersagen der im Avesta enthaltenen heiligen Gebete2. Orphiker und Gnostiker pflegten zu magischen Zwecken einen Hymnus oder eine Erzählung von einer göttlichen Heldentat zu rezitieren, um so die Götter im gegebenen Falle zu einer ähnlichen Tat anzuregen3. Amulette mit Bibelsprüchen und die Austreibung von Dämonen mit Hilfe von Bibelversen waren auch in der christlichen Kirche üblich. Selbst ein Theologe wie Origenes spricht von der Macht der heidnischen Zaubersprüche und fügt hinzu: Wie viel mehr werden heilige Worte (aus der Bibel) Erfolg haben! Für besonders wirksam hält Origenes den Anfang der Genesis, das Johannesevangelium, die Vv^orte Jesu am Kreuze und das Vaterunser4. Bei den Kirgisen, wie überhaupt im Reiche des Islam schreibt man Teile von Koransuren auf Zettel, umgibt sie mit Leder und hängt sie sich um den Hals. In Afrika verkaufen die moslemischen Missionare Amulette mit Koransprüchen oder den ganzen Koran, der den Bekehrten zum Fetisch wird5. Als Werke von übernatürlichem Ursprung wurden heilige Bücher überall zu zauberkräftigen Schutzmitteln gegen böse Geister. Diesem Schicksal entging auch unsere Bibel nicht: sie, ein flammender Protest gegen jeden Aberglauben, wurde selber ein Werkzeug des Aberglaubens. So heilten jüdische Exorzisten Kranke mit Hilfe des Schriftwortes: ,,Keine der Krankheiten, die ich auf Aegypten gelegt, werde ich auf dich legen, denn ich, der Ewige, bin es, der dich heilt“6 Ex. 1526. Wie Zarathustra die Versuchungen Angra Mainyus mit Hilfe des Gesetzes von Ahura mazda zurückwies und wie Jesus wider den ihn versuchenden Satan mit Sprüchen aus der heiligen Schrift kämpfte, so besiegte nach der Erzählung der Agada auch 'Abraham den sich ihm entgegenstellenden Satan mit Hilfe von Bibel versen 7. 1 H. Hackmann, Religionen und heilige Schriften 37. 2 Herzog-Plitt RE3 14, 705. 3 Blau, Altjüdisches Zauberwesen 70. 4 Origenes Hom. XX in Jesu Nave I. T. XI 170 sq. 5 R. Karutz, Unter Kirgisen und Turkmanen, Leipzig 1911, 129. Herzog-Pütt RE3 14, 705. 6 M. Sanh. 10, 1. Tos. Sanh. 12, 10. 7 Mt 43־n. Gunkel, Zum religionsgeschichtlichen Verständnis des NT. 70. Sanh. 89b. Jellinek B. H. I 34. Monatsschrift. 74. Jahrgang 11

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