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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1930-01-01 · Heft 2 · p. Seite 105

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
74 (1930)
Issue
Heft 2
Article
Bemerkungen zur Liturgie und Geschichte der Liturgie
Date
1930-01-01
Page
Seite 105 (sequence 2)
Language
German
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105 Datum an, sondern meint: . . der Dekalog ... ist in der Zeit des Urchristentums aus polemischen Gründen wieder beseitigt worden“1. Dagegen meint Weiß2, daß die Aufhebung des Brauches des tagliehen Dekaloglesens schon im ersten Jahrhundert erfolgte. Dies scheint das Richtige zu sein. Denn wenn auch die Unter- Scheidung zwischen dem von Gott offenbarten Dekalog und dem übrigen Teil des Gesetzes, der von Mose herrührt, in der Form literarisch erst seit der Zeit Justins und Irenaus' bezeugt ist, so muß doch eine Scheidung zwischen Dekalog und dem übrigen Gesetz schon viel früher vorhanden gewesen sein, denn daß Paulus, der Begründer des Antinomismus, auch den Dekalog als ungültig erklärt hätte, ist undenkbar. Einen Antinomismus, der bloß das Sittengesetz, den Dekalog, gelten ließ und das übrige Gesetz verwarf, hat es schon in den ersten Anfängen des Christentums gegeben. Dies ergibt sich aus folgenden Angaben in den altchristlichen Schriften: 1. ,,Und siehe, einer trat auf ihn zu und sprach: Meister, was soll ich Gutes tun, um ewiges Leben zu erhalten? Er aber sprach zu ihm: Was fragst du mich über das Gute? Einer ist der Gute! Wenn du aber ins Leben eingehen willst, so halte die Gebote. Welche? sagte er. Jesus aber sprach: ,Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen; ehre Vater und Mutter' und ,du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst'.“3 2. Stephanus, der erste der sieben Vorsteher der christlichen Urgemeinde, ,,erfüllt vom Glauben und dem heiligen Geist''4, soll gesagt haben: ,,Wir haben nämlich gehört, wie er sagte: dieser Nazaräer Jesus wird diese Stätte zerstören und die Sitten ändern, die uns Moses gegeben hat''5. 3. Derselbe Stephanus sprach dann vor dein Synhedrion6: ,,Durch Engelvermittlung habt ihr das Gesetz empfangen und habt es doch nicht gehalten.“ Es ist dies dieselbe Theorie, die später von Paulus oft betont wurde: Die Thora ist das Werk der Engel7. Freilich wurden im Namen Jesu auch folgende Sätze überliefert: ,,Wähnt nicht, daß ich gekommen bin, das Gesetz und die Propheten niederzureißen; ich bin nicht gekommen niederzureißen, sondern zu erfüllen. Denn wahrlich ich sage euch: Bis Himmel 1 Der jüdische Gottesdienst S. 242. 2 Dor Dor Wedorschaw I, S. 236. 3 Mat 1916־lg; vgl. Mark 101719־; Luk 181820־. Ueber diese. Stelle und andere mit ihr zusammenhängende Stellen vgl. Aptowitzer, RfiJ 1930. 4 Acta 65. ® Acta 644. 6 Acta 753. Vgl. noch V. 38. 7 Gal 319, Hebr 22. Diese Vorstellung auch später häufig bei den Häretikern: Vgl. die Stellen bei Lueken, Michael S. 19, 105. S. Rappaport, Agada und Exegese bei Flavius Josephus, Wien 1930, S. 135. Dem pharisäischen Judentum ist der Gedanke an eine Mitwirkung der Engel bei der Gesetzg*ebung völlig fremd. VgL. Ginzberg MGWJ. 1913, S. 691 ff., Anm. 2; und wenn in der Agada öfters davon die Rede ist, daß mit Gott zahlreiche Engelscharen auf den Sinai hinabgestiegen sind (vgl. die Stellen bei Rappaport a. a. O.), so haben die Engel nur die Aufgabe von Zuschauern und Hochzeitsgasten (שושבינים).

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