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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1929-01-01 · Heft 7 · p. Seite 444

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
73 (1929)
Issue
Heft 7
Article
In die Wassertiefe versunkene Städte
Date
1929-01-01
Page
Seite 444 (sequence 1)
Language
German
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444 In die Wassertiefe versunkene Städte. Von Matthias Mieses in Przemysl. Es war ein bei den antiken Menschen beliebtes Thema von Städten zu erzählen, die in einen See versunken sind. So wurde es von Ortschaften berichtet, die vom See Kopais wie auch vom Phenäischen See verschlungen wurden. Inwiefern in solchen Fällen Tatsachen zugrunde lagen oder reine Phantasiedichtung das Szepter führte, läßt sich nicht immer bestimmen. So wissen wir, daß noch in heller, geschichtlicher Zeit, der Stymphalische See eine Stadt ersäufte, die fünf Stadien entfernt war1. Viel eher Dichtung als Wahrheit bildet die romanhafte Erzählung von einer großen rühmreichen Insel Atlantis, die vom Atlantischen Ozean überflutet wurde und für immer unterging. Das Echo dieses Mythos von der in der See verschlungenen Insel hallt mit großer Kraft bei Plato in seinem Timaios und im Kritias wider und bildete den Ausgangspunkt für eine unübersehbare Anzahl von phantastischen Romanen über einen ehemaligen Kontinent, der einst im Atlantischen Ozean in der Nähe der Pforten des Herakles lag. Aehniiche Fabeln besitzen auch die Litauer. Der Switez-See deckt eine ehemalige Stadt zu. Der bekannte polnische Dichter Mickiewicz verewigte dies in einem Gedicht. Die Deutschen berichten von einer Stadt Vineta, auf der Insel Wollin, die im 12. Jh. von den Fluten des Meeres hingerafft wurde. Ihre Ruinen sollen nach einer Volkssage, die mit der trockenen Wirklichkeit nicht in Uebereinstimmung zu bringen ist, noch in der Gegenwart am Meeresgrund, in der Nähe der Küste Usedoms zu erblicken sein. Die neuzeitlichen Forscher des Alten Testaments glauben, die Bibel enthalte eine ähnliche Sage: das Tote Meer wäre nach dem Bericht des Pentateuchs das Ergebnis der Vernichtung Sodoms durch ein Naturereignis und nehme dessen Platz ein. Es herrscht diesbezüglich eine merkwürdige Uebereinstimmung unter den Konfessionen. Der Katholik Vigouroux spricht von der ,,riclie contree de lä Pentapole, destinee ä etre bientot engloutie dans la mer Morte"2. Der Protestant Guthe schreibt: aus Gen 1310, 1925 erhält man den Eindruck, daß das Salzmeer zugleich mit dem Untergang von Sodom und Gomorrha entstanden sei und der Verfasser von Gen 143 nennt sogar den Namen, den diese Ebene einst getragen hat"3. In der französischen, kalvinistischen Enzyklopädie für religiöse Wissenschäften, die bald vor einem halben Jahrhundert erschien, heißt es ,,remplacement de Sodome est aujourd ,hui occupe par la mer Morte"4. Der Jude Graetz schreibt: ,,das Tote Meer erinnerte die Israeliten stets an ein schweres Strafgericht Gottes. Sein Bette war früher eine fruchtbare Tiefebene, schön wie der Garten. Gottes, aber die Einwohner der dort gelegenen Städte . . . waren von unmenschlicher Härte"5. 1 Jarde, La formation du peuple grec, Paris 1923, 31. 2 Vigouroux, La Bible et les deeouvertes modernes, Paris 1896, I 481. 3 II. Guthe, Kurzes Bibelwörterbuch, Tübingen 1903, 566. 4 Encyclopedie des Sciences religieuses (publiee sous la direction de F. Li eilten berger), Paris 1878, XI 639. 5 Graetz, Geschichte der Juden I 68.

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