Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Hellenistica [Rezension]
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 443 (sequence 19)
- Language
- German
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443 jüdischen Gelehrten von Wert sind die erheblich abgeänderten Abschnitte über Aristoteles und den Neuplatonismus. Bekanntlich hat David Neumark den Gedanken vertreten, daß die Widersprüche im aristotelischen und plotinischen Schrifttum für die jüdische Philosophie des Mittelalters eine hohe Bedeutung besitzen. So wenig ich seiner Durchführung im einzelnen zustimmen kann1, so gesund ist der Gedanke als solcher; es wäre sehr zu wünschen, wenn sich die Erforscher der mittelalterlichen Philosophen durch die ausgezeichnete Uebersicht unseres Handbuches in die neueren Forschungen über die Entstehung des corpus Aristotelicum und Plotinicum einführen ließen und bei den problemgeschichtlichen Untersuchungen über den Gottes- und Seelenbegriff unserer Denker die Risse in dem — ihnen als einheitlich, geltenden — antiken Schrifttum beachteten. Mittelbar von Wert für das Verständnis des jüdisch-hellenistischen Schrifttums ist die erste einiger kleinerer Abhandlungen Karl Reinhardts über Poseidonios2. Bekanntlich findet sich im 16. Buch der Erdbeschreibung Strabons eine Behandlung des Judentums, welche von Mose mit der größten Hochachtung spricht und seine Lehre von Gott mit dem ethisch gefärbten Pantheismus der Stoiker gleichsetzt. Es war mehrfach vermutet und insbesondere von mir an dieser Stelle (1919, 113 ff.)3 zu zeigen versucht worden, daß dieser Bericht nicht von dem philosophischen Dilettanten Strabon frei gearbeitet, sondern von ihm aus einer Schrift des stoischen Schulhaupts Poseidonios übernommen wurde, eines Denkers, der jedenfalls auf Philon, vermutlich aber auch auf die ,,Weisheit Salomos“ stark gewirkt hat. Reinhardt, dessen Vorstellung von dem großen Stoiker erheblich von der der meisten Mitforscher abweicht, gelangt zum selben Ergebnis und weiß die bei Strabon vertretenen Anschauungen in das Geschichtsbild des Poseidonios einzustellen. Es darf also nunmehr wohl als sicher gelten, daß der Antisemitismus sich keineswegs notwendig aus der Lebensanschauung der hellenischen Wissenschaft ergab4 und daß durchaus nicht nur jüdische Selbstgefälligkeit den Gott der eigenen Bibel mit dem Urgrund der hellenischen Metaphysik gleichsetzte, sondern daß das hellenische Denken selbst, gewiß geleitet durch die Ehrfurcht vor den uralten Religionen des Orients, diese Gleichsetzung vollzog, die natürlich den Glauben des missionierenden Judentums der Diaspora an sein Recht und seine Aufgabe wesentlich bestärken* mußte. 1 Vgl. einstweilen meine Besprechung des letzten Bandes DLZ 1929, 1708 ff. 2 Karl Reinhardt, Poseidonios über Ursprung nnd Entartung, Heidelberg (Winter) 1928, 80 S. 3 S. jetzt auch Poseidonios’ metaphysische Schriften II 72 ff. und meine in diesem Heft S. 451 folgenden Bemerkungen über die Beschreibung des Toten Meeres. 4 Ueber den Ursprung des antiken Antisemitismus ygl. meine Abhandlung: Ursprung und Wesen des Antisemitismus im Altertum in der Festgabe zum zehnjährigen Bestehen der Akademie für die Wissenschaft des Judentums 76 ff. und meinen Artikel Antisemitismus im 5. Supplementband der Pauly-Krollschen Realenzyklopädie der klassischen Altertumswissenschaft Sp. 3—43. 29*