Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 6
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 415 (sequence 2)
- Language
- German
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415 wesentlichen Stütze des Antisemitismus. Damit Hand in Hand ging das Bemühen, alle großen Kulturleistungen der nordischen Rasse zuzuschreiben und in jedem Kulturschöpfer einen nordischen Menschen zu sehen. Dieses Bemühen führte zu den merkwürdigsten Widersprüchen — wurden doch Gestalten des Alten Testaments bald als nordische Heilige, bald als semitische, Betrüger bezeichnet. Wer Forschungen dieser Art und Einstellung in dem vorliegenden Werk sucht, wird nicht auf seine Rechnung kommen. Im Vorwort hebt der Verfasser hervor: ,,Es scheint, nur wenigen ist heute der schlichte Gedanke vertraut, daß ein Forscher nach der Wahrheit fragen könne und nach weiter nichts, ohne Rücksicht, ob die erkannte Wahrheit irgend jemand nützlich oder schädlich sei“, und an anderer Stelle (S. 15) heißt es: ,,Stiltypen auf ihren Wert hin gegeneinander abzuwägen, ist hoffnungslos und Wissenschaftlieh widersinnig. Jeder Stiltypus trägt den Maßstab und die Ordnung seiner Werte in sich und darf mit dem Wertmaßstab eines anderen Typus nicht gemessen werden. Wo dies geschieht, z. B. in neueren biologisch-anthropologischen Büchern, ist das Ergebnis jedesmal eine Täuschung ... Einen ,objektiven‘ Wertmaßstab vermöchte ja nur der zu finden, der selbst an keinem Stiltypus teil hätte, und dies ist keinem endlichen Geschöpf beschieden. Jeder Stiltypus — jede echte Artung, jede echte ,Rasse‘ — hat eine besondere, in ihrem Wesen gründende, nur ihr eigene innere Ordnung ihrer Werte; und diese jedem Stiltypus inneliegende artgerechte Wertordnung gilt es eben aufzuweisen. Das ist die Aufgabe. Die Frage aber, ob irgend ein Stiltypus an sich wertvoller sei als ein anderer, ist sinnlos.“ Damit rückt der Verfasser programmatisch von jeder a f f e k t g e 1 e i t e t e n Rasseforschung ab; sein Ziel ist wissenschaftliche Objektivität, Darstellung der Eigengesetz1ichkeit verschiedener Menschen- oder S t i 11 y p e n. Eingehende eigene Studien, im wesentlichen in Deutschland, Italien und im Orient liefern ihm das Material. Er will eine psychische Anthropologie schaffen, und dazu sind die messenden und abzählenden Methoden der physischen Anthropologie völlig ungeeignet; es gilt also neue Wege zu finden, die dem Gegenstand adäquat sind. In der neueren Psychologie finden wir ein Bemühen, von den materialistischen Grundanschauungen loszukommen. Dabei ergab sich eine Anknüpfung an Anschauungen, wie sie vor einem Jahrhundert von Goethe und Garus vertreten worden sind und wie sie heute in Anknüpfung an sie und an Nietzsche von Klages und seinem Kreis vertreten werden, Anschauungen aber, wie sie auch auf dem Boden der Psychiatrie und der Biologie Geltung gefunden haben; man versucht zu einer allgemeinen Lebenslehre zu gelangen und die Spaltung zwischen Körper und Seele zu überwinden. Das Problem der Leib-Seele-Einheit wird neu gestellt (Prinzhorn). In den Kreis dieser Bemühungen kann man, methodisch gesehen, auch das Buch von Glausz einreihen. Seele und Leib eine Einheit, so daß sich in beiden, in der Beschaffenheit des Leibes, seinen Bewegungen und dem Seelenleben ein gleicher Stil ausdrückt; der Leib wird uns so der Zugang zur Seele, aus dem leiblichen Stil ist der seelische zu erkennen. Einfühlendes und deutendes Verstehen, Wesens chau (wie sie die Husserlsche Phänomenologie betreibt, auf die Glausz sich ausdrücklich beruft) müssen zur Erfassung des Stilgesetzes führen; dieses gilt es durch alle Entstellungen, Trübungen, Mischungen, durch alle individuellen Abwandlungen hindurch zu ,,schauen“, zu fassen und dann in Begriffe zu bringen. Dabei ergeben sich eine Reihe einfacher Typen, Grundtypen, auf die sich dann die konkreten Gestalten des Lebens zurückführen lassen — die zum größten Teil wohl Mischtypen sind.* Dieses Verfahren des Verfassers, das man als Versuch einer Wesenschau und Typisierung bezeichnen kann, wird heute in Psychologie und Geistes- Wissenschaft viel verwandt und es ist zweifellos geeignet, wertvolle Einsichten zu vermitteln. Allein nicht immer haftet diesen der Charakter der Evidenz an. Und das gilt meines Erachtens auch von den Aufstellungen des Verfassers; viele seiner Deutungen leuchten nicht ohne weiteres ein, wobei freilich gesagt werden muß, daß noch so zahlreiche und gute Abbildungen nie das Anschauen des lebendigen, bewegten Menschen ersetzen können. Aber auch das zugestanden, glaube ich dennoch, daß ein anderer Beobachter manches anders sehen und deuten würde.