Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 5
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 340 (sequence 2)
- Language
- German
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Mentioned entities
- Tunis 3× ep/1048155
- Rabat 2× ep/1045497
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340 Berbern bewohnter Landschaften vorfinden (Rene Basset, Nddromah et les Traras, P^ris 1901). Darüber hinaus aber hat sie keine Wirkungen hinter־ lassen: auch die jüdischen Berber sind sehr bald Muslime geworden. Die ״autochthonen“ Juden sind nicht Nachkommen von Berber-Proselyten, sondern stammen von Flüchtlingen, die im Gebirge und in der Wüste Schutz vor Verfolgung fanden. Auch über das späte Mittelalter sind wir nicht viel besser unterrichtet. Nur für Tunis liegt das vorzügliche Büch ־von Cazes vor, das insbesondere über zwei für diesen Ort charakteristische Institutionen, das Qä’id-Amt und das Häuservo.rkaufs recht auf Grund der Responsen-Literatur nüchtern und sachlich Auskunft gibt. Und selbst über die Wirkungen der spanisch־ portugiesischen Einwanderung fehlen —• wiederum mit Ausnahme von Tunis — gründliche Untersuchungen. Unter diesen Umständen gewinnen die Berichte der europäischen Reisenden, deren Aufmerksamkeit das nordafrikanische Judentum frühzeitig erregt hat, an Bedeutung. Für Marokko kommen vor allem in Betracht: Addison, The present state of the Jews (in Barbary), 1675, und Godard, Le Maroc, 1858. Ihnen reiht sich für die Gegenwart1 an J. Goulven, Les Mellahs de Rabat־Salö. Goulven behandelt in diesem reich illustrierten Werke die Gemeinden von Rabat, dem Sitz des Sultans von Marokko ünd der Protektoratsregierung, und von Slä, der Schwesterstadt von Rabat, einer Hochbürg des traditionsgebundenen Judentums. Der Verfasser — offenbar Nichtjude — hat sein Material in den Jahren 1913 und 1920 gesammelt. Anfangs hatte er bei seinen Erkundungen mit dem Widerstand der Bevölkerung zu kämpfen; die ältere Generation stand dem Fremden mißtrauisch und ablehnend gegenüber, die jüngere bekannte sich nur ungern zu ihrer Vergangen־ heit. Später fand er jedoch die Unterstützung einiger jüdischer und muhammedanischer Notabein, auch die der Großrabbiner beider Städte. Als Goulven seine Arbeit begann ־— ein Jahr nach der Errichtung des französischen Protektorates —war die marokkanische Judenschäft erst eben aus der Stellung von ״Schutzgenossen“ der Muslime befreit worden; noch bte sie als Körperschaft eigenen Rechtes, von den Muhammedanern streng geschieden, in abgesonderten Quartieren, im Aberglauben befangen, in strenger Bindung an das Gesetz, dessen Einhaltung die Rabbiner rücksichtslos er־ zwangen. Sieben Jahre später findet Goulven die Verhältnisse völlig verändert: die Macht der Rabbiner ist gebrochen, das Gesetz hat an Geltung verloren, Hygiene und Regierungsschule zerstören die väterliche Sitte und verdrängen die Superstitionen. Am augenfälligsten prägt sich der Unter־ schied zwischen jetzt und einst in der Tracht aus, die bereits stark europäisiert ist, am einschneidensten in der Verwaltung : durch Zähir (Patent) vom Jahre 1918 verlor der Kahal seine administrativen Rechte; seine Mitglieder werden seitdem auf Vorschlag der Gemeinde vom Großwezir mit zweijähriger Amtsdauer ernannt; auch das Budget wird von der Regierung kontrolliert. Der, Sc-hech el Jahüd, über dessen frühere Stellung man gern Näheres wüßte — er vertrat die Gemeinde gegenüber der Regierung ähnlich wie der Qä’id in Tunis — ist zu einem Polizeiorgan herabgesunken. Das jüdische Zivilrecht ist in Geltung geblieben, insbesondere was das Personalstatut anlangt; doch versucht die Regierung auch hier Einfluß zu nehmen, sie kontrolliert z. B. die Gebühren der Notare. Dagegen ist die Strafbefugnis der Rabbiner abgekommen. Infolge dieser Lockerung der ,,Kirchenzucht“ ist die Lösung von der Tradition stark fortgeschritten — wenigstens in Rabat; in Slä hat "die Persönlichkeit des Rabbi Rafael Anqaua, der höchsten jüdischen Autorität in Marokko, diese Entwicklung aufgehalten2. Der traditionelle Unterricht, der schon seit der Gründung der Schulen der Alliance (1902) an Geltung verloren hatte, ist durch die Regierungsanstalten völlig erschüttert worden. Die neuhebräische Bewegung hat auch hier eine 1 Neben Ortega, Los Hebreos en Marruecos, Madrid 1919. 2 Er ist ein Nachkomme des Rabbi Anqaua אגורים אלנקוה, der im 14. Jahrhundert die Gemeinde TJemsen reorganisierte. Das Grab seines Ahnherrn in Tlemsen wird noph gegenwärtig kultisch verehrt, wie der Referent im vorigen Jahre feststellen konnte.