Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Zur Geschichte der Halacha
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 295 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2829132-2829959-2829964-2835481--49162-2835571- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
295 überall die herrschende Sitte (מנהג) berücksichtigt wurde1. Ebenso wurden auch für Rechtsgeschäfte weitere Mittel und Wege gefunden, welche die Vorschriften über die Asmachta noch mehr mildern und sie den jeweiligen Bedürfnissen des Lebens anpassen sollten2. Zur Erklärung mittelalterlicher Dichtungen. שאלי שרופה .1 Übersetzt and erklärt von E. Baneth in Berlin. Am 9. Tammuz des Jahres 5004 (17. Juni 1244) wurde in Paris der Talmud öffentlich verbrannt. Hunderte und aber Hunderte kostbarer Handschriften, die man auf Befehl des Papstes den Juden weggenommen hatte, wurden auf dem Marktplatz dem Scheiterhaufen übergeben. Welch tiefes Weh und welche Verzweiflung diese Untat in jüdischen Herzen ausgelöst hat, zeigt das mit den Worten שאלי שרופה באש לשלום אבליך beginnende Klagelied, das den später als rabbinische Autorität berühmt gewordenen Rabbi Meir von Rothenburg zum Verfasser hat. Es war eine Zeit bitterer Leiden und blutiger Verfolgungen. Die Metzeleien im Gefolge der Kreuzzüge und der Blutbeschuldigungen waren noch in lebendiger Erinnerung, sie konnten jederzeit sich wiederholen. Jeden Tag mußte der Jude für sein Leben und das Leben seiner Kinder zittern, über ganzen Gemeinden schwebte das Schwert der Vernichtung. Die Inquisition wütete mit unmenschlicher Grausamkeit gegen die unglücklichen Opfer ihrer Willkür, die sie erbarmungslos den Qualen der Folterkammer und noch auf dem Richtplatz den Martern eines grauenvollen Todes überlieferte. Aber schmerzlicher als diese Greuel, auf die er in seinem Klageliede nur mit wenigen Worten hindeutet, empfindet der Dichter den ruchlosen Frevel der Talmudverbrennung. Hier erst entringt sich seiner Brust der Racheschrei: אשרי שישלם לך גמולך, ,,Heil dem, der an dir Vergeltung übt“ (Vers 7—9). Vermutlich war Rabbi Me‘ir Augenzeuge des Autodafe. Die Schilderung in den Versen 19—20 ist von solcher Anschaulichkeit, daß man den Ausdruck אחרי ראותי an ihrer Spitze wörtlich zu nehmen berechtigt ist. In seinen Tosafot zu Joma (18b unter יחודי) nennt er Rabbi Jechiel von Paris seinen Lehrer, und es ist wahrscheinlich, daß er im Jahre 5004 —■ er mochte damals 24 Jahre alt sein — zu dessen Füßen saß und das erschütternde Schauspiel miterlebte. Seine Elegie hat unter die Zionslieder des Neunten Ab Aufnahme gefunden. Sie ist dem ältesten derselben, der bekannten Dichtung ציון הלא תשאלי לשלום אסיריך von ־r. jehuda Hai- 1 e w i nachgebildet, bedient sich ihres Metrums und besteht gleich 1 Vgl. Tosaphoth Baba Mezia 66a, sv. ומניומי; dieselben Nedarim 27 b, sv. והלבתא; Maimonides, Mechira, XI, § 18; SMG, Gebote, Kap. 82, ed. Weiß, II, S. 82a unten; Hag. Maim., Mechira XI, Anm. 8; Caro, Choschen ha־Mischpat, Kap. 207, § 16, s. Baer Heteb ebd. Gl. 39, 40. 2 Vgl. Maimonides, Mechira, XI, § 18 und Keseph Mischne ebd.; Caro, a. a. O., § 19, und Baer Haggolah ebd. Anm. 70, 80; Isserles, a. a. O., § 15 Ende; Baer Heteb, a. a. O., Gl. 43; s. auch Bloch, a. a. O., S. 35 ff.