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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1929-01-01 · Heft 5 · p. Seite 258

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
73 (1929)
Issue
Heft 5
Article
Mendelssohns Anschauungen vom Wesen des Judentums
Date
1929-01-01
Page
Seite 258 (sequence 2)
Language
German
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258 der Aufklärung führt die Emanzipation Europas von der Kirchenherrschaft durch. Diese Befreiung des Geistes aber hat ihre Voraussetzungen und Grundlagen in revolutionären Veränderungen des politischen und wirtschaftlichen Lebens. Eine macchiavellistische Politik, die das Staatswohl als alleinig leitendes Prinzip der Politik anerkannte, wurde die selbstverständliche Grundlage der Fürstenherrschaft, die ihre Souveränität in politischer Macht zur Geltung zu bringen suchte. Die Staatsraison, nicht die Interessen der Kirche wurde leitendes Prinzip. Die Staatsraison forderte den Ausbau der Machtmittel des Staates in Heer und Beamtentum und insbesondere die Pflege des Wirtschaftslebens. Handel und Industrie wurden mehr und mehr die Quellen des Wohlstandes des Staates. Handel und Industrie aber entwickelten auch die selbständige Initiative des Bürgertums, führten über die Schranken der Konfessionen, der Stände, der Völker hinweg zur Gemeinsamkeit der wirtschaftlichen Interessen. So förderte das politische und soziale Leben die Nivellierung des mittelalterlichen konfessionellen und ständischen Systems. Handel und Verkehr aber hatten in der neuen Technik ihren Grund, die. eine Frucht der neuen Naturei'kenntnis war. So erwies sich die Wissenschaft von der Natur als eine das 1wirtschaftliche Leben stark bewegende Macht. Das Ideal der Bildung wandte sich daher von der Theologie zu den mathematisch ־ naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Nicht Sündenbewußtsein und Entsagung, sondern ein zukunftsfroher Optimismus und Wagemut erfüllte die Geister. Die Erde, die Sitten und Bräuche der Völker, die Mannigfaltigkeiten der Religionen traten in den Gesichtskreis der Menschen. Nicht eine engherzige Dogmatik, sondern ein weltoffener Universalismus lehrte in aller Verschiedenheit der Nationen und Bekenntnisse die Gleichheit des menschlichen Fühlens, Denkens und Wollens erkennen und lieben. Ein ehrlicher und tiefer Enthusiasmus für das Ideal der einen, in ihrer Vernunft einigen Menschheit wurde das Fundament einer neuen Religion, die wahrhaft die Menschheit brüderlich umschließen wollte. Diese neue Religion aber als Religion der Vernunft mußte auf wissenschaftlichen Fundamenten aufgebaut sein. So ist es das zentrale Problem der Philosophie der Aufklärung, die neue Erkenntnis der Natur mit der neuen Erkenntnis von der Einheit der Menschheit systematisch zu verbinden. Der Natur und Menschheit umfassende Begriff konnte nur der Gottesbegriff sein. So ist die wissenschaftliche Erkenntnis Gottes das höchste Problem der Aufklärung. Hier nun hatten Hobbes und Spinoza zwischen der Religion oder י Offenbarungsreligion und der Naturerkenntnis einen tiefen Widerspruch aufgewiesen. Hobbes hatte aus der naturwissenschaftlichen Er־־ kenntriis die Konsequenz gezogen, daß die Theologie, da sie nicht von Körpern handle, überhaupt kein Gegenstand der Erkenntnis, vielmehr der Phantasie zu überlassen sei. Spinoza bejahte die Wahrheit der Religion, aber nur insofern sie sich, more geometrico vor dem Forum der Naturerkenntnis rechtfertigen ließ. Hieraus zog er nicht allein die Konsequenz des Pantheismus, der Einheit Gottes .mit der Nati11\ Das wäre nur eine Umbildung des neuplatonischen Ernanationssystems gewesen, wie sie schon Giordano Bruno vollzogen

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