Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Der Judenbader zu Gaya
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 119 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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119 Der Judenbader zu Gaya. Von Dr. Heinrich Fiesch in Dolni Kounice. Im Repertorium des mährischen Landesarchives ist unter J. 92 ein Convolut von Akten und Urkunden verzeichnet, welches den Titel trägt: ,,Der Juden-Baader zu Gaya, wegen einiger denen Christen gebrauchter verdächtigen Medikamenten betreffend/' Josef ben khrr Jonatan1 rofe sl (= sichraunah liwrochoh, sein Andenken zum Segen), oder Joseph Jonas Jud, baader von Gaya — beide Namensfertigungen finden sich in den Akten — erscheint im Pinax von Gaya als einer der tuwe hakohol2 (= boni, Besten der Gemeinde) und hat den Beruf des Baders, oder Wundarztes von seinem Vater Jonatan übernommen (Pinax Gaya I, S. 74b). Das Mittelalter war vorüber — man zählte 1719 —, doch die Waffen aus der Rüstkammer des Mittelalters hatten ihre Schärfe noch nicht eingebüßt. Die Bubonenpest brach herein und diese Gelegenheit wurde wahrgenommen, um dem Judenbader eins am Zeug zu flicken. Am 12. Dezember 1719 berichtet der Physikus des hradischer Kreises, Phil, und Med. Dr. Johann Ehrhard Götz3 in Ung. Hradisch an das kgl. Amt der Landeshauptmannschaft in Brünn, es seien in diesem Kreise ansteckende Krankheiten ausgebrochen. Es sind dies4 ,,mit substilla sanguinis per pares, os, pudenda Muliebra, blaue, rote, schwarze Fleckbeulen in inguinibus, besonders stark in Bisenz.“ Er stellt den Antrag, es mögen sämtliehe im Kreise sich befindliche Chirurgen, entweder zum Amtsarzt Dr. Corvin5, oder zum Antragsteller selbst kommen, damit über diese ansteckende Krankheit, deren Erkennen und Behandlung gemeinschaftlich Rat gepflogen werden könne. Am Schlüsse der Eingabe heißt es wörtlich: ,,So unterstehen sich auch die Juden in die Medizin zu mischen und denen Armen, Kalk, Kreide, Asche vor Medicinen zu verkaufen, die dann der Gayer Baader (gemeint der Christen- Bader) den Gayer Juden (Bader) weggenommen und mir überbracht. Dergleichen Juden sind in Ung. Brod, Ostrau (== Ung. Ostra) und dergleichen Orten, weilen dann die Juden, ohne daß denen Christen als abgesagte Feind, das Menschen-Leben in eines Medici Händen, auch ein Jud Handwerker sein sollen könnte, hingegen ein Medicus 1 Rofe Arzt, Wundarzt, ursprünglich Besitzer der Badestube. In der Badestube wurde zur Ader gelassen und geschröpft, daher Bader Wundarzt. Die B der waren auch die Haar- und Bartscherer. 2 Pinax Gaya S. 31a. 3 Am 27. Mai 1718 zum Physicus des hradischer Kreises ernannt. Im Jahre 1749 im Alter von 80 Jahren in Ung. Hradisch gestorben, vergl. Corroni, Nachrichten über die Schriftsteller Mährens (Mss) I, 84. 4 Zu der Wiedergabe der Urkunden sei folgendes bemerkt: Die Urkunden, welche wortgetreu wiedergegeben werden, sind mit Anführungszeichen ״ “ versehen, Excerpte erscheinen ohne diese; Erklärungen und Ergänzungen des Herausgebers sind in runde ( ) Klammern gesetzt. Die Orthographie wurde im Allgemeinen beibehalten, doch wurde beim Gebrauche großer und kleiner Anfangsbuchstaben, unsere jetzt geltende Orthographie beobachtet, desgleichen wurden Verdoppelungen ,von Konsonanten, ferner das stumme h nach den Regeln unserer Rechtschreibung weggelassen. e Johann Franz Corvin, der freien Künste und Arzneiwissenschaft Dr., Physikus der Stadt Hradisch und des Hradischen Kreises. Geboren zu Budweis i. B., erhielt am 4. Mai 1684 den Doktorhut in Bologna, vergl. Corroni, ibid. 183.