Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die religionsgeschichtlich erklärte Barajta
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 478 (sequence 2)
- Language
- German
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478 getraut, diese Stelle ,,religionsgeschichtlich“ zu deuten. Aber auch den ersten Passus, mit dem Ei etwa eine Flasche zuzudecken, hat er wohlweislich nicht für seine ,,magischen" Zwecke benützt. Ist da der Passus, der vom Stützen der Bettpfeiler spricht, nicht geradezu in zwei ,,trockene" Zweckhandlungen eingekeilt? Gehört nicht ein ungeheurer logischer Sprung dazu, die eine Stelle von dem alltäglichen schlichten Vorgang des Zustopfens einer Flasche, die andere von der angeblich mit Ei und Bettstelle verübten Magie sprechen zu lassen? Dabei hat M. mit keinem Worte gesagt, wie er sich diese Magie vorstellt; er führt nur den Beweis, daß man mit Bettstelle und mit Ei gelegentlich einen Zauber verübt hat, was wir ihm gerne glauben, denn fast gibt es kein Ding auf dieser Welt, und sei es noch so klein und noch so schmutzig, mit dem man nicht hie und da zu magischen Zwecken hantiert hätte. Wie das Ei zu der Bettstelle kommt, hat er in keiner Weise zu erklären versucht ■— ich fordere natürlich nicht, daß uns M. das Geheimnis der Zauber- Praktiken aufdecke, aber ich meine, daß in der von ihm so reichlieh angeführten folldoristischen Literatur doch ein Hinweis auf diese Ei-Bettstellen-Praktik gefunden werden sollte — und vollends fehlt bei ihm auch das leiseste Wort darüber, was das Verb סמך ,,stützen" hier soll. Kurz, wir haben nach M.s Deutung keine Vor- Stellung darüber, wieso das Ei und die Bettstelle in diese Umgebung kommen, was das Ei bei der Bettstelle will und wieso das Ei die Bettstelle ,,stützen" kann, denn das steht nun einmal da. Letzteres ist freilich schwierig, denn wir begreifen nicht, wieso das gebrechliche Ei eine Bettstelle ,,stützen" könne, und ich bin überzeugt, daß ohne diese Schwierigkeit es keinem Menschen eingefallen wäre, diese ,,trockene" Halacha ,,magisch" zu deuten; es gilt also, die Erklärung dafür zu finden, wonach die ״magische" Deutung von selbst entfallen wird. Vorerst jedoch ,wollen wir uns mit M.s Beweisen befassen. Schon einleitend ruft er aus: ״Kodifiziert nicht die Mischna, daß man aus Furcht vor einem bösen Geist das Licht am Sabbath auslöschen mag?"1 Hier steht מפני רוח רעה ausdrücklich, folglich kann man nicht bestreiten, daß man es mit einer Wahnvorstellung zu tun hat, allerdings nicht gerade so, wie M. schreibt, daß der böse Geist von der Fremde kommen würde, sondern es fürchtet sich der Mann vor dem ihm inwohnenden Geiste (vgl. Maim. und Bertinoro z. St.), d. i. er ist melancholisch. Der Ausdruck רוח רעה ist derselbe, wie bei Saul (I Sam 1614)2, und bei der Beobachtung, daß die Mischna oft Biblischhebräisches verwendet, kann man geradezu behaupten, daß auch die Sache dieselbe sei. Dasselbe ist zu sagen von den ferner von M. beigebrachten Stellen M. Erubin IV, 1 u. T. AZ. I, 16, wo רוח רעה kaum anders gedeutet werden kann als ״böser Geist" schlechthin, aber ein böser Geist, von dem sich der betreffende Mensch besessen fühlt. Wir wollen uns nicht in die weite Welt des Aber- und Dämonenglaubens begeben, ist doch zur Genüge' bekannt, daß in der uns beschäftigenden Zeit beides 1 M. Sabbat II, 5. 2 Nach Preuß, Biblisch-talmud. Medizin S. 358 w*f Saul ein Epileptiker.