Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Judentaufen von Papst Klemens XI. 1704 in eigener Person vollzogen
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 396 (sequence 2)
- Language
- German
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396 den Nachfolgern des Papstes Klemens XI., welcher die unten beschriebenen Taufhandlungen vornahm, zeichneten sich aus: Benedikt XIII. durch 26, Benedikt XIV. durch 13, Klemens XIII. durch 4 Taufen1. In demselben Jahrhundert diente öfters die Kirche S. Maria sopra Minerva den Dominikanermönchen zur Vornahme von feierlichen Judentaufen2. Noch nach der Mitte des vorigen Jahrhunderts bis 1870 wurden in der berühmten sogenannten Taufkapelle des Kaisers Konstantin, neben der Lateranensischen Basilika, am Sonnabend vor Ostern Judentaufen mit großem Gepränge vorgenommen3. Was die in der folgenden anschaulichen Schilderung eines Augenzeugen genannten Persönlichkeiten anlangt, so gehörte der die Taufe in höchst eigener Person vollziehende Papst Klemens XI. der bekannten Familie Albani an; zu seiner Wahl im Jahre 1700 hatte sehr beigetragen der vier Jahre später bei den Taufhandlungen assistierende Kardinal Ottoboni (geb. 1667 in Venedig, gest. 1740) mit Vornamen Pietro, noch heute in der gelehrten Welt bekannt als Förderer der Künste und Wissenschaften. Seinem Großonkel, dem Papste Alexander VIII. (1689—91) hat er in der Peterskirche das prächtige Grabdenkmal, auf dem die Heiligsprechung eines der schlimmsten Juden verfolge! aller Zeiten, des Franziskanermönchs Johann von Capistrano, dargestellt ist, errichten lassen4. Daß gerade die Herzogin Mattei mit der Vorbereitung der beiden Jüdinnen auf den neuen Glauben betraut wurde, hängt vielleicht mit dem erblichen Oberaufsichtsrecht dieser Familie über die Ghettotore, in deren Nähe sich ihr Palast befand5, zusammen. Ebenso wie der bei der Taufe assistierende Kardinal Ottoboni durch sein verschwenderisches Leben eine große Schuldenlast auf sich wälzte, so auch die den Getauften gegenüber so freigebige Königin von Polen, Maria Kasimira, Witwe Johanns III. Sobieski; des Befreiers Wiens von der Türkengefahr, gegen den sie sich übrigens selbst mit einem Teile des Adels in Verschwörungen eingelassen hatte. Kein günstiges Zeugnis für den Geschmack eines ihrer Söhne ist die Tatsache, daß er sich 1709 während des Karnevals von den Fischhändlern Roms in humoristisch sein sollender Weise die Leichenfeier für einen Rabbiner vorführen ließ. Die Kostbarkeit der Geschenke, welche den frisch Getauften zuteil ward, entsprach vollkommen dem Gebrauche der Zeit. Ob sie nicht aber, wenn auch in anderer Form vielleicht in barem Gelde, in die Kirchenkassen zurückgeflossen sind, könnte möglicherweise aus den Akten des Archivs der Peterskirche oder einer anderen geistlichen Anstalt festzustellen sein. Der Gebrauch, Juden zur Belohnung für ihre Taufe nach adligen Familien zu benennen, ist sehr alt. Bereits im 12. Jahrhundert betrieb die Geistlichkeit des Königreichs Neapel die Judentaufen dadurch, 1 Natali, Ettore, II Ghetto di Roma, ebend., 1887, S. 252. 2 Silvagni, Davide, La corte e la societa romana nel XVIII e XIX secolo, Roma 1882—85, B. II, S. 833—834. 3 Loevinson, Ermanno, Roma Israelitica,. Frankfurt a. M. 1927, S. 57. 4 Loevinson, Ermanno, Roma Israelitica, Frankfurt a. M. 1927, S. 240. 5 Loevinson, Ermanno, Roma Israelitica, Frankfurt a. M. 1927, S141 .׳.