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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1928-01-01 · Heft 4 · p. Seite 391

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
72 (1928)
Issue
Heft 4
Article
Eine angeblich korrupte Borajta
Date
1928-01-01
Page
Seite 391 (sequence 1)
Language
German
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391 Eine angeblich korrupte Borajta. Von A. Marmorstein in London. Eine Borajta in Beza 3 B hat in letzter Zeit zu mehreren Auseinandersetzungen Anlaß gegeben1. Nachdem ich die Borajta religionsgeschichtlich erklärte2, die ohne ernste Gegengründe von einigen verworfen wird, sehe ich mich veranlaßt, meinen Standpunkt den Lesern dieser Zeitschrift nochmals und ausführlicher darzustellen. Die religionsgeschichtliche Erklärung der Halachah wie der Agada haben wenig Freunde. Selbst S. Krauss kann sich nicht vorstellen, daß eine ernste Halachah auf primitive volkstümliche Vor- Stellungen oder abergläubische Handlungen hinweisen soll. Was bei anderen Forschern nicht auffallend, erscheint bei Krauss geradezu erstaunend. Kodifiziert nicht die Mischna, daß man aus Furcht vor einem bösen Geist das Licht am Sabbat auslöschen mag3? Eine Lehre, die der allgemeinen Vorstellung, daß nur das Licht, aber nicht die Finsternis die bösen Geister verscheucht, widerspricht4. Hier haben wir einen primitiven Brauch, der in der Mischna kodifiziert erscheint. Warum kann das nicht in der Borajta der Fall sein? Wozu Verschlimmbesserungen wie die des Meiri, wenn wir uns ohne dieselben helfen können? Die wissenschaftliche Exegese muß auf einen einfachen Sinn Anspruch erheben und jeden philologischen oder historisch-archäologischen Pilpul zurückweisen. Der letztere hat wahrlich genug Sünden begangen, die eine Pseudowissenschaft noch vermehren will. Die Berechtigung der religionsgeschichtlichen Methode besteht, wenn sie auch noch nicht allgemein anerkannt und nur von den wenigsten geahnt oder angewandt wird. Man kann von James Frazers Folklore of the Old Testament oder Golden Bough denken, was man will, aber nicht leugnen, daß diese Forschungsart prinzipiell vollkommen berechtigt ist. — Die Borajta liest: אחד ביצה שנולדה בשבת ואחד ביצה שנולדה ביום טוב אין מטלטלין אותה לא לכסות בה את הכלי ולא לסמוך בה כרעי ה מ ט ה (b. Beza 3 B). Man darf mit einem am Sabbat oder Feiertag neugelegten Ei weder ein Gerät, ev. eine Flasche zudecken, noch den Fuß einer Bettstelle stützen. Dieser Text steht seit ca. 1000 Jahren fest und jede Korrektur ohne textkritische Zeugnisse im Texte ist ohne zwin־ gende Gründe unangebracht. Ich schlug vor, daß man den Text ohne Textverbesserung oder -Verschlimmerung ganz einfach erklären kann. Allerdings muß die Erklärung von der bisherigen verschieden sein. Ich glaube bewiesen zu haben und beweisen zu können, daß die Alten beides, ein Ei wie auch den Fuß einer Bettstelle, für magische Zwecke benützten. Diese Tatsache läßt sich aus den Quellen belegen. 1 Vgl. Jeschurun, II. Teil, Berlin 1926, 7 und 1927, 17. Ozar ha Hajjim, 5686, 94; 5687, 107. Haolam 1926, 890; 1927, 489. 2 Siehe Haolam 1926, 670; Angelos II, 1926, S.155; MGWJ 71, 1927, 44f. 3 M. Sabbat II 5. Dieselbe Vorstellung M. Erubin IV 1. Tosefta AZ I 16. Vgl. Marmorstein, מנהגים קדמונים בארץ ישראל in Zion II, 5687, S. 22 und Beiträge zur Religionsgeschichte und Volkskunde III in Mitteilungen zur jüd. Volkskunde XXX, 1927, 81—48. 4 Siehe Bergmann, MGWJ 71, 1927, 162—165.

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