Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Judenfrage im galizischen Landtag 1861 - 1868
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 381 (sequence 3)
- Language
- German
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3S1 Brody Mayer K a 11 i r. Später wurde bei einer Ersatzwahl in Kolomea noch ein vierter Jude, Dr. Lazar Dubs, in den Landtag entsandt, und nach ,dessem Tode im Jahre 1865 der Lemberger Advokat Dr. Maximilian Landsberger* 1. Im Jahre 1867 (II. Wahlperiode) wurden, mit Ausnahme von Kallir, den man in Brody durch den Lemberger Advokaten Dr. Oswald Honigsmann ersetzte, dieselben jüdischen Abgeordneten in denselben Städten gewählt. Von den drei Handelskammern gehörte weder in der ersten, noch in der zweiten Wahlperiode ein Jude dem Landtag an2. Für den Reichsrat wählte der galizische Landtag aus seiner Mitte 38 Deputierte: darunter war 1861 kein Jude: 1867 wurde Dr. Landsberger mit knapper Stimmenmehrheit zum Reichsratsabgeordneten gewählt, während Dr. Hönigmann durchfiel. Man wollte also den Juden einen oder zwei Vertreter aas den überwiegend jüdischen Wahlbezirken sichern3. ״Wielka Encyklopedja“ Band XVII. Ueber Dubs berichtete die Lemberger Polizeidirektion im Jahre 1862 folgendes an die Statthalterei: ,,Die Lemberger Polizeidirektion glaubt, aus dem Grunde, weil Dubs mehrere Werke in polnischer Sprache schrieb, sich während der Landtagswahlen an den polnischen Komiteeberatungen beteiligte, als Landtags abgeordneter auf "der linken Seite des Hauses Platz nahm und mit derselben stimmte, endlich einen Teil der polnischen Tracht angenommen hat, demselben Sympathien für die politischen Anschauungen der polnischen Separatisten zuschreiben zu müssen.“ (Archiv des M. d. I. IV. T. 2, ZI. 6522 ex 1862.) Dagegen scheint der dritte jüdische Abgeordnete, Kallir, aus Brody, dem Zentrum der d e u t s c h - jüdischen Assimilation hervorgegangen, kein polnischer Parteigänger gewesen zu sein. Er wird vielmehr im Berichte des Staatsministers über die Wahlergebnisse in Galizien als für die Regierung ,,erwünscht“ bezeichnet. (Haus-, Hof- und Staatsarchiv des österr. Ministeriums des Aeußeren, Kabinetts-Kanzlei-Akten, 1064 11. 1116 ex 1861.) An den sehr wichtigen Landtagsverhandlungen der Jahre 1865/66 hat er übrigens krankheitshalber nicht mehr teilgenommen. (Vgl. stenographische Protokolle des galizischen Landtags. Sitzung vom 9. II. 1866.) 1 Biographie im Reichstagsalmanach hrsg. v. Sigmund Hahn, Prag 1867, Band I, Seite 119. Als Dr. Dubs anfangs 1865 starb, richtete der Bürgermeister von Kolomea samt dem städtischen Ausschüsse eine Eingabe an die Statthalterei mit der Bitte, Kolomea möge von der Neuwahl eines Landtagsabgeordneten enthoben werden, da es vorauszusehen sei, daß abermals ein Jude gewählt werden würde, da die jüdischen Wähler in Kolomea die Majorität bilden. (Allg. Ztg. d. J., Nr. 22 ex 1865). Selbstverständlich wurde diesem kuriosen Ersuchen keine Folge gegeben. — Landsberger erhielt bei der Ab- Stimmung doppelt soviel Stimmen als der polnische Kandidat. (553 gegen 226, vgl. ״A. Z. d. J.“, Nr. 49 ex 1865.) 2 Doch waren die Abgeordneten der Lemberger (J. Breuer) und Brodyer (A. Hausner) Handelskammer liberal gesinnte Männer, die öfters im jüdischen Interesse und zugunsten der Juden vorsprachen. Später finden wir oft, daß die Handelskammern Juden als Abgeordnete selbst in den Reichsrat delegierten, und manchmal wurden sogar in allen drei Kammern im Lande Juden gewählt. 3 Für den Wahlbezirk der Städte: Kolomea, Stryj, Stanislau. Dr. Landsberger erhielt 67 Stimmen, während der Stanislauer Abgeordnete Kaminski 54 bekam. Die Kandidatur Hönigmanns für den Wahlbezirk: Brody, Tarnopol unterstützten 24 Stimmen gegen 96 Stimmen für Sawczynski, den Tarnopoler Abgeordneten. (Stenograph. Protokolle des galiz. Landtages, Sitzung vom 2. III. 1967. Deutsche Uebersetzung der Protokolle in der Beilage der amtliehen ,,Lemberger Zeitung“.)