Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Der Anteil der Berliner Judenschaft an den Kontributionen während der feindlichen Besetzungen der Stadt im siebenjährigen Kriege
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 351 (sequence 2)
- Language
- German
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351 I. iiontribiitionsbeitrag der Judenschaft während der Einnahme Berlins durch die Oesterreicher am 16. Oktober 1757. Am Nachmittag des 16. Oktober 1757 war der österreichische Feldmarschalleutnant Andreas Hadik, der von der Lausitz her vorgedrungen war, mit 3400 Mann vor Berlin erschienen, das er von der Südost־Seite einschloß. Er drang in die Köpenicker Vor״ stadt ein, ohne sonderlichen Widerstand zu finden. Der Hof und die Minister waren nach Spandau geflüchtet; die Bürgerschaft, übenascht durch die Ereignisse, befand sich in heller Aufregung. An eine ernsthafte Verteidigung dachte der nach allgemeiner Ansicht unentschlossene Kommandant, General Rochow, nicht. Hadik konnte nach der ganzen Kriegslage, in der Besorgnis, abgeschnitten zu werden, sich nicht lange in Berlin aufhalten. Die einzige Forderung, die er stellte, war eine Kriegskontribution von zunächst 300 000 T11־., zahlbar binnen 24 Stunden, die er später sogar auf 600 000 Tlr. Brandschatzung und 50 000 Tlr. für die Truppen er־ höhte. Schließlich einigte er sich aber mit dem Magistrat, der in aller Eile für die Aufbringung der Kontribution Sorge tragen mußte, auf 215 000 Tlr.1, die ihm auch am 17. Oktober um 4 Uhr morgens gezahlt wurden, worauf er sich nach Bautzen zurückzog. Außer der Kontribution hatte Hadik noch 24 Gefangene und 6 Fahnen mitgenommen. Die Vorschüsse, die die Bürgerschaft von Berlin für die Kon־ tribution an den Magistrat gezahlt hatte, mußten durch eine Steuer gedeckt werden, und zwar wurden eine Gebäude־ und eine Miets- Steuer ausgeschrieben. Die Eigentümer zahlten 1 Tlr. 18 Ggr. (gute Groschen 1% Gr), 6% Pf., die später auf 1 Tlr. 20 Ggr. erhöht wurden, für je 100 Tlr. Gebäudewert. Die Mieter zahlten 21 Ggr. 3y6 Pf., später 22 Ggr. für je 100 Tlr. unter Zugrundelegung eines Kapitals, das mit 5% Zinsen die Jahresmiete ergab. Insgesamt wurden an Steuern 258 003 Tlr. 7 Ggr. 4 Pf. umgelegt (davon waren 8 600 Tlr. nicht einziehbar), in denen außer dem reinen Kontributionsbeitrag auch Zinsen, Entschädigungsgelder, Steuerausfälle und die Einziehungskosten inbegriffen waren2. Auch an die Judenschaft Berlins war natürlich die Aufforderung zur Beteiligung an der Kontribution ergangen. Am Tage des Ein- 1 Dies ist die tatsächliche Höhe der Kontribution, wie sich aus dem Bericht der Steuerkommission in den Akten des Geheimen Staatsarchivs Generaldirektorium Kurmark C G X L VII Militaria, Invasionssachen Nr. 2 Vol I ergibt. Die anders lautenden Angaben in den verschiedenen Geschichtebüchern sind falsch. Im übrigen siehe über die Okkupation 1757: ,,Schreiben eines Freundes aus Sachsen an seinen Freund in W. über gegenwärtigen Zustand des Krieges in Deutschland.“ (Flugschrift) Freiburg 1757, S. 6; ,,Berlinische privilegierte Zeitung“.(Vossische Zeitung), vom 20. Oktober 1757; Koser: ,,Geschichte Friedrichs des Großen“, Stuttgart-Berlin 1913, Bd. 2,. S. 534; Oncken: ,,Das Zeitalter Friedrichs des Großen‘6, Berlin 1882, Bd. 2, S. 173; Albert Naude: ,,Die Einnahme von Berlin durch die Oesterreiche'r im Oktober 1757 und die Flucht der Königlichen Familie von Berlin nach Spandau“, Separatabdruck aus ,,Märkische Forschungen“, Bd. 20. 2 Naude a. a. O. S. 22—24 und Akten des Geheimen Staatsarchivs a. a. O. Bericht der Steuerkommission vom 30. Dezember 1758.