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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1928-01-01 · Heft 2 · p. Seite 201

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
72 (1928)
Issue
Heft 2
Article
Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien
Date
1928-01-01
Page
Seite 201 (sequence 18)
Language
German
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201 sind Lesefrüchte eines für Formenschönheiten empfänglichen, gebildeten Menschen. Letteris' jüdische Stoffe behandelnde Gedichtsammlung: ,,O e s tliehe Rosen‘׳ (Prag 1852) ist als poetische Verwertung der Ergebnisse der modernen biblischen Exegese für die neueste jüdische Dichtung vorbildlich geworden. Letteris hat sich auch als hebräischer Uebersetzer großer klassischer Werke aus fremden Sprachen hervorgetan. Er übersetzte die ,,Athalie“ und ,,Esther von Racine“ (Schalom Ester, Prag 1843, Gesa Ischai, Wien 1837) und den ersten Teil des Faust. Allemal gibt er dem hebräischen Geiste angepaßte freie Nachdichtungen. Besonders die Nachdichtung des Faust ,,Ben Abuja“ trug ihm bei seinen Zeitgenossen großen Ruhm ein1. Tatsächlich ist es Letteris gelungen, den Acher der jüdischen Geschichte, Elischa ben Abuja, im Gewände des Doktor Faust darzustellen. Wer Letteris' Gesamtwerk kritisierend überschaut, sieht auf den ersten Blick, daß seine Dichtungen größtenteils nicht der Ausdruck eigner Erlebnisse sind. Fast immer ist er von Vorbildern abhängig und nur selten treffen wir auf originelle Gedanken. Es ist gewiß kein Zufall, daß gerade sein schönstes und bekanntestes Gedicht ,,Jona humijah“ inhaltlich und formal völlig dem sentimentalen Geschmack der Zeit gemäß ist. Trotzdem ist Letteris mit Recht von allen Seiten gelobt worden; denn es gab selten einen Juden, der die Sprache so wie er formen konnte, selten einen Mann, der einen so sicheren Instinkt in Sachen des literarischen Geschmacks bezeugt hätte. Jehuda Leib Gordon gesteht Letteris unter anderem in einem Lobesgedichte zu: ובכן מעיר רוחי, מאיר, היית 2 Und selbst der große Samuel David Luzatto, der manches von dem eitlen, nur zu oft windigen Polen, der sich gern alten Berühmtheiten anzubiedern liebte, zu leiden hatte, wünscht ihm in autrichtiger Ueberzeugung: Freund, steige zu immer höherem Glücke und du wirst zum Hauptsänger sämtlicher Geschlechter des Nordens werden3. Josef Perl starb 1839, Nachman Krochmal 1840. In dasselbe Jahr fällt Rapoports Berufung nach Prag, mit der sein Wissenschaftlicher Abstieg anhub. 1851 starb Jizchak Erter. Letteris hat uns sein Bestes zwischen 1830 und 1850 gegeben. Noch steht J'hoschua Heschel Schorr am Anfänge seiner Karriere. Aber er ist radikal, er steht fast ganz allein da. Sämtliche gemäßigten Maskilim sind seine Gegner. Sein Auftreten beschleunigt die Reaktion. Mit Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die große Epoche der galizischen Haskala zu Ende. Es beginnt die Zeit der Epigonen. 1 Ben Abuja, Goethes Faust. Eine Tragödie in einer hebräischen Umdichtung. Wien, Verlag des Verfassers, J. Schloßberg, 1865. Gegen diese Umdichtung hatte P. Smolehski im Bikkoret tihe (Odessa 1867) einen Kreuzzug eröffnet, worauf ihm im Namen der galiz. Maskilim Al. Langbank im Mischpat Emet (Kritische Blätter über Ben Abuja, Leipzig 1870) eine glänzende Abfuhr erteilte. 2 Kochbe Jizchak, 28, S. 122. 3 Zit. nach G. Bader, 1, c. S. 449.

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