Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 185 (sequence 2)
- Language
- German
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185 Rabbiner, gegen die Quertreibereien der betrügenden und betrogenen Zadikim und Chassidim, wie gegen alle Ungereimtheiten des jüdischen Lebens einzuwenden hatten, in die klassische Form der altjüdischen Prophetie gebracht hat, ist Izchak Erter, der Schüler Joseph Tarlers. Bevor wir uns dem Schüler zu wenden, müssen wir mit einigen Worten den Lehrer kennzeichnen, den galizischen Acher, der in keiner jüdischen Literaturgeschichte erwähnt wird, dessen Namen im vormärzlichen Lemberg unter den frommen Juden als Schimpfwort galt. Joseph Tarier lebte um 1820 in Jaroslau. Noch 1824 erscheint der junge Jaroslauer Maskil in der Vorrede zu Letteris’ ha-Z'fira als opferwilliger Abonnentensammler. Kurz darauf kommt er als Fleischgefällpächter nach Wielkie Oczy, einem Städtchen in der Nähe von PrzemySl, wo er reich wird und in zweiter und dritter Ehe nach eineinder zwei Töchter des dortigen Rabbiners heimführt. Der berühmte Zaddik Rabbi Elimelech Dynower, zugleich der tüchtigste Theoretiker des galizischen Chassidismus und der wildeste Gegner der Haskala, die er, seinem ungewöhnlich schönen Stile nach zu urteilen, gründlich kennt, kommt einst nach Wielkie Oczy und wird vom Rabbiner bewirtet. Da erblickt er auf dem Tische eine wunderschöne Garnitur silberner Löffel. Woher diese Kostbarkeit bei einem armen Landrabbiner? Er bemerkt bald, daß sie dem bekannten Apikores und Trefefresser gehören und lehnt die Teilnahme am Mahle ab. Tarier rächt sich durch einen Witz. Der Dynower erfährt es und verspricht ein Faß Wein demjenigen, der ihm die Nachricht überbringen würde, Tarier habe sich taufen lassen. Der Fluch des• Zadik geht in Erfüllung. Tarier fälscht Wechsel polnischer Magnaten,, wird ertappt und rettet sich durch die Taufe. Aber ein ernster Christ ist er nicht geworden. Schon frühzeitig mißfällt ihm das Gebaren seiner Frau, die dem neuen Glauben mit Eifer anhängt. In späteren Jahren erscheint er dann häufig im jüdischen Tempel in Lemberg als Baal-T’schuba und betet gar andächtig. Er lebt lange Jahre in Lemberg als ehrsamer Krämer und Zensor hebräischer Werke. Als solcher verfolgt er unbarmherzig jegliche chassidische Literatur, es sei denn, daß ihm hie und da eine reichliche Sühne gewährt wird. Des ,,Dinowers“ Schriften läßt er dreißig Jahre lang nicht passieren. Und 1845 veröffentlicht er im ersten Hefte des Jeruschalajim eine Satire, die unter den Lemberger Dunkelmännern einen wahren Sturm der Entrüstung hervorrief. Jaalsu Chassidim b'kabod (Ps 149ß) lautete der an einem bekannten Bibelvers anklingende Titel. Von vorn nach hinten gelesen ist dieses gelungene Werk ein überschwengliches Lob der Chassidim, von hinten nach vorn der raffinierteste Fluch gegen sie. Das Urbild dieser Art Satire ist in der neu-hebräischen Literatur die T'fillah k'zara des Abraham ibn Esra: Abi Elohaj schimcha lmoh melech maschiach lo jowo. Aber die jüdischen Handwerker liebte er, und er haßte die Christen, die ihn zur Taufe gezwungen haben. Den Maskilim, zumal den jungen, ist er besonders gewogen. Schon in Wielkie Oczy war er der Gönner und erste Lehrer des jungen Izchak Erter geworden. Er hatte zuerst den jungen Ehemann und Iluj in die Wunderwelt des hebräischen Schrifttums eingeführt. Er regte ihn auch später zum Studium der Medizin an und sorgte inzwischen für seine Frau und sein Kind.