Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Der jüdische Grabstein in der Burg zu Graz
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 159 (sequence 1)
- Language
- German
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159 Der jüdische Grabstein in der Burg zu Graz. Eine Studie, der Stadt Graz zur Achthundertjahrfeier ihrer Gründung gewidmet von D. Herzog. Aus Anlaß der vom 18. bis 25. September v. J. in Graz tagenden Versammlung deutscher Historiker hat die Schriftleitung des ,,Grazer Volksblattes" mich eingeladen, in ihrer aus diesem Anlasse erscheinenden Festschrift über den am Ostflügel der Grazer Burg, dem sogenannten Erzherzog-Karl-Trakt1, eingebauten jüdischen Grabstein, an den sich manche Legende in der Steiermark geknüpft hat2 * * S. * * * * 10, in einer den Anforderungen strengster Wissenschaftlichkeit entsprechenden Abhandlung ausführlich zu berichten. Dieser Aufforderung bin ich umso lieber nachgekommen, als ja tatsächlich alles über den Stein bislang Geschriebene und mündlich lieberlieferte nur irreführende Mitteilungen enthält. Das Ergebnis meiner Arbeit habe ich in der genannten Festschrift, die als Beilage in der Nr. 215 des ,,Grazer Volksblattes" vom 18. September 1927 und dann auch in Broschürenform als Sonderabdruck unter dem Titel ,,Der jüdische Grabstein in der Burg zu Graz", Graz 1927 (Leuschner und Lubensky) erschienen ist, niedergelegt. Regierungsrat Dr. B. Wachstein, der derzeit beste Kenner jüdischer Epitaphien, dem ich die 1 Vgl. jetzt über denselben Victor Thiel, Die 1 and es fürstliche Burg in Graz und ihre historische Entwicklung in ״Beiträge zur Kunstgeschichte Steiermarks und Kärntens“, hrsg. v. Hermann Egger, Bd. III, Graz 1927,' S. 15, 2. Z. v. u. 2 So zum Beispiel heißt es Kumar J. A., Historisch-malerische Streifzüge in den Umgebungen der Stadt Grätz, Grätz 1816 (Franz Ferstl), S. 166 ff.: Herzog Karl erbaute das Schloß Karlau im Jahre 1570 und starb dortselbst im Jahre 1603. Die Aue, die den Namen von diesem Schlosse führt, war eine eigene Judenstadt, wo bei Anlegung des Schlosses ein Stein gefunden wurde, der schon um das Jahr 994, mithin zu einer Zeit gesetzt worden ist, wo man sich sonst kaum an der Stelle von Grätz die Existenz einer Stadt denken würde. Dieser Stein, der gegenwärtig in der landesfürstlichen Burg in Grätz neben dem Brunnen sich befindet, wurde von einem gelehrten Rabbiner in folgender Weise übersetzt: ,,Gott! Meine Zither ist zu Trauertönen verstimmt und trocken ist meine Stimme vor Uebermaß des Schmerzes. Tot ist Vater Tamus und sein einziger Sohn, der Fürst von Jerusalem. Er starb am vierten Tage der zweiten Woche des Monates Tamus im Jahre 5047. Seine Seele ist gebunden mit dem Bande des ewigen Lebens. Amen.“ Ein anderer, E. Baumgarten, in seiner historischen Skizze: Die Juden in Steiermark, Wien 1903, S. 9, will aus diesem Grabstein schließen, daß die Juden in Graz bereits am Ende des 10. Jahrhunderts zu finden waren, weil die Inschrift auf diese Zeit hinweist. Unverständlich bleibt dann, wie Baumgarten, der diese Grabinschrift nach einer Kopie, die Hofrat Dr. S. Frankfurter, der nachmalige Direktor der Universitätsbibliothek in Wien, angefertigt hat und die von Frankfurter gewiß sehr genau aufgenommen worden ist, im Anhang seines Buches auf S. 59 ganz verballhornt abgedruckt hat, dort sagen kann, der Stein weise auf das Jahr 1386! Am 3. April 1926 deutete hinwiederum ein in Graz auf der Durchreise sich befindender Rabbiner die Inschrift so: Am 10. Juli (Tamus [!]) 5140 nach Erschaffung der Welt Nussem (sic!), Sohn des Aren, gestorben. Damit ist aber die Zahl der Deutungen noch lange nicht erschöpft. Vgl. auch Polsterer A. J., Grätz und seine Umgebungen, Grätz 1827 (dann neuerdings 1855), S. 109 f., wo die Inschrift vollkommen verballhornt mit hebräischen Typen abgedruckt ist und Thiel a. a. O., S. 9, Anm. 8. Die von Thiel mitgeteilte Vermutung, der Stein dürfte vom Judenfriedhofe herrühren, welcher