Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Das Problem der Säkularisierung des Judentums
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 332 (sequence 2)
- Language
- German
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332 hunderten gleichbedeutend mit jüdischer Religion und hätte einen ziemlich genau angebbaren Inhalt: Studium der schriftlichen und mündlichen Thora, Ritualgesetz, Gebetshandlungen und Besorgung der Gemeindeangelegenheiten, unter welchen die Armenpflege eine erhebliche Rolle spielte. ״Draußen", d. h. außerhalb dieses Bezirks, lag das ״Menschentum", die allgemeine Kultur. Soweit man sich dort betätigte, war man Jude oder religiös, soweit hier — war man es eben nicht. Natürlich hielt die reinliche Trennung der beiden Gebiete nicht lange vor. Sehr bald schob sich etwas dazwischen, das die Grenzen verrückend weder zum einen noch zum andern recht gehörte. Es war durchaus jüdisch, insofern es nur die Judenheit betraf, und durchaus unjüdisch, insofern es mit dem, was bisher allein als Juden־ tum oder jüdische Religion galt, nichts zu tun hatte. Das immer weiter wachsende Neue setzte sich aus vielerlei verschiedenartigen Dingen.zusammen. Beispielsweise seien aufgezählt: der Kampf um die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden, die Abwehr des Antisemitismus, die Regelung der ostjüdischen Wanderbewegung, der Aufbau Palästinas mit seinen zahlreichen ״allgemeinen" Aufgaben politischer, finanzieller, wirtschaftlicher, technischer und sonstiger Art, körperliche Ertüchtigung der Jugend. Ferner eine gleich jeder Wissenschaft grundsätzlich neutrale Wissenschaft des Judentums, Anfänge einer nichtsynagogalen jüdischen Kunst, eine neuhebräische Literatur großenteils allgemeinen Inhalts. Entsprechend erstanden jüdische Verbände, die programmatisch oder tatsächlich gegenüber dem Judentum in seinem bisherigen Sinn als Religion strenge Neu־ tralität beobachteten. So umfaßt das moderne Judentum viele Gebiete und Ein־ richtungen, die einerseits durchaus zu ihm gehörig erscheinen, andererseits völlig außerhalb des bisher Judentum oder jüdische Religion Genannten liegen. Und es gibt zahlreiche moderne Juden, die sich nicht nur als Juden fühlen, sondern sogar eifrig in der jüdischen Oeffentlichkeit betätigen, ohne jedoch in irgendeiner positiven Be- Ziehung zur jüdischen Religion stehen zu wollen. Dieser ganze empirische Sachverhalt fordert gebieterisch seine Deutung : Was ist nun eigentlich das moderne Judentum? Fällt es noch wie früher mit dem Begriff der jüdischen Religion zusammen, oder ist es mehr als Religion oder etwas anderes als Religion geworden? Damit beginnt die neue Situation, d. h. das moderne Judentum überhaupt, dem theoretischen Denken Problemcharakter anzunehmen. 2. Zuerst taucht das Problem wohl in der neueren hebräischen Literatur auf, z. B? bei J. L. Gordon, Berdyczewski und S. J. H u rw i t z. Am klarsten finde ich das Thema aber erst bei J akob Klatzkin behandelt. Nach Klatzkin1 war das י Judentum früher Religion oder genauer religiöse Gesetzesverfassung. Die Neuzeit hat jedoch die Mauer der jüdischen Religion zum Wanken und teilweise schon zum Einsturz gebracht. Rückgängig läßt sich die Entwicklung nicht mehr machen. Will man das Judentum überhaupt erhalten, so kann es nur in Form eines Neuaufbaus geschehen, der völligen Umbau 1 Krisis and Entscheidung, Berlin 1921. Thechumim (hebr.) Berlin 1925.