Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Neueste Literatur zu den Hagiographen [Rezension]
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 289 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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289 Neueste Literatur zu den Hagiographen. Besprochen von A. Kaminka in Wien. 1• Im Geiste seiner seit 1904 in vier Auflagen erschienenen ,,Ausgewählten Psalmen“ hat Hermann Gunkel im Rahmen des Göttinger Handkommentars zum A. T. eine von Grund aus neue Behandlung des Psalters unternommen. Das Ergebnis einer fünfzehnjährigen mit bewundernswertem Gelehrtenfleiß und meist mit tiefem Verständnis für die biblische religiöse Lyrik geleistete Arbeit liegt nun in einem stattlichen Bande vor (Die Psalmen, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 1926. XVI u. 639 S.). Verdient nun dieses hervorragende Werk einer neuen Üebersetzung und neuer ausführlicher kritischer Erklärung des ganzen Psalmenbuches an sich eine eingehende Besprechung, so glaube ich dieser auch deshalb einen breiteren Raum widmen zu dürfen, weil Gunkel als ein mit Recht verehrter Führer in der altt. Wissenschaft, der in diesem Kommentare die kritische Arbeit vieler Vorgänger überprüft, summiert sichtet und durch neue Ideen sowie neues Material auf Grund der altorientalischen Forschungen erweitert, auf seinen Schultern gleichsam wie ein Atlas die Fülle wissenschaftlicher Wahrheiten samt dem noch schwereren Ballast der Irrtümer von Generationen trägt, und eine Auseinandersetzung mit ihm das ganze vorherrschende bibelkritische System betrifft, gegen welches starke Einwendungen gemacht werden müssen. Die Feinheit der Analyse des Inhaltes vieler Lieder und das ästhetische Verständnis für die Ausdrucksformen kommen in diesem vollständigen Kommentar natürlich in weit größerem Umfange zur Geltung als in den nur 40 Stücke umfassenden ״Ausgewählten Psalmen“. Hemmend für das Urteil über die Auffassung ist der beinahe auf jeder Seite, auf mancher mehrmals, vorkommende Hinweis auf eine ,,Einleitung“, die erst später separat nachfolgen soll; ein Werk,־ das man also in die Kritik noch nicht einbeziehen sollte, während es aber doch einigermaßen geschehen muß, da so oft darauf Bezug genommen wird und die Disposition desselben überdies im Vorwort dargelegt ist. Danach legt der Verfasser Gewicht auf die ״Gattungen der Psalmen“. Er fragt sich bei der Erklärung eines jeden Stückes zuerst, welcher Gattung es an gehöre? ״Ist diese Frage erledigt,“ so gelangt man mit Hilfe von Gegenstücken aus derselben Gattung zur Grundauffassung des Gedichtes und es eröffnet sich das Verständnis für viele fraglich gewesene Einzelheiten (S. X). Aber in dieser Methode ist nur der zweite Teil häufig richtig: daß aus einer zutreffenden Grundauffassung sich ein Licht auf unverstandene Einzelheiten ergießen kann. Manchmal — wie ich zeigen werde — können umgekehrt eigentümliche Einzelheiten durch ihre deutliche Verwandschaft mit anderen altt. Stellen einen Schlüssel für die Grundauffassung bieten. Keinesfalls aber ist im vorhinein eine Frage nach der Gattung so fruchtbar und so einfach zu erledigen. Die genialen Dichter haben ihre besten Lieder auch nie im Hinblick auf eine Gattung verfaßt, und die bedeutsamsten lyrischen Erzeugnisse sind auch im Psalmenbuche Monatsschrift, 71, Jahrgang. 19