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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1927-01-01 · Heft 3 · p. Seite 150

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
71 (1927)
Issue
Heft 3
Article
[Rezension]
Date
1927-01-01
Page
Seite 150 (sequence 2)
Language
German
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160 Aber äte schließlich der Sieg sich an die Fahnen der Entente, ari die Verbündeten, die für Recht und Menschlichkeit angeblich föchten, heftete, als die völkerbefreienden Melödien Wilsons erklangen, gönnte man dann den Juden das Plätzchen an der Sonne? Deutschland, das antisemitische Deutsch- Land, de^ militärische angebliche Störenfried, war niedergerungen, die alte österreichische Monarchie war zerbrochen und zerstückelt und alle mit den Mittelmäbhten verbundenen Reiche lagen am Böden; in Paris, London, Rom und Washington läuteten die Siegesglocken, neue Reiche entstanden ad hoc, hauptsächlich mit dem Zweck, Deutschland mit einer Reihe von Randstaaten zu umgeben, um die Fesseln des einstmaligen Riesen unlöslich zu machen. Wohl brachte der Friede die Verwirklichung einer jüdischen vom Völkerbund anerkannten Heimstätte in Palästina, wohl gelang es in verschiedenen Friedens- Verträgen, und zwar dort, wo die Juden in größeren Massen zusämmenlebten, für sie Minderheitsreehte aufzunehmen,; aber nur in zwei Staaten wird die nationale Autonomie der Juden anerkannt: jin der Ukraine und in Litauen. In beiden Ländern haben aber die allgemeinen Verhältnisse schnell die Autonoinie rückgängig gemacht, so daß ihre praktische Auswirkung gar nicht erst erprobt werden konnte. Nicht nur daß die Zugeständnisse auf dem Papier stehen blieben, tobte sich die Gewalt der durch Nationalismus angefachten Leidenschaften in den neu entstandenen Reichen im Osten gegen die Juden in Pogromen; Blutbädern und Verfolgungen aus, wobei sich Polen und die Ukraine besonders aus zeichneten; anstatt daß der Friede eine Beruhigung in den neu entstandenen Staaten herbeiführte, durchleben die Ostjuden eine neue schwere Krisis; die noch durch ihre materielle Not eine Verschärfung erfuhr. י : Was wir im Vorhergehenden in großen Strichen andeuteten, wird von Kreppei ausführlich behandelt und möglichst mit Dokumenten belegt, die ein beredtes Zeugnis von dem Fleiß und dem Willen des Autors, historisch die Entwicklung zu beleuchten, ablegen. Der historische Teil seines Handbuches wird-deshalb gleichmäßig von allen Seiten gewürdigt werden, und man kann Kreppei zugestehen, daß er bemüht war, sachlich und objektiv zu berichten. Ueberdies hat sich aber Krepp ei die schwere Aufgabe gestellt, in den Urwald von Fragen, Strömungen und Erscheinungen politischer, kultureller und sozialer Natur, die im Judentum des zwanzigsten Jahrhunderts auftauchten, hineinzuleuchten. Ob er sein Ziel, Juden und Nichtjuden über alle Gebiete der Judenfrage in allen Ländern objektiv und sachlich zu orientieren, wirklich erreicht hat,'kann angezweifelt werden; das liegt aber zum Teil an der Kornpliziertheit der Probleme, zum Teil, weil bei Erörterung dieser Probleme kein Verfasser seine Grund ans chauun gen verleugnen kann. Kreppei steht dem Ostjudentum nahe, dastrotz seiner Rechtlosigkeit und seiner Entwurzelung, bei seiner massigen Zusammenhäufung seine besondere Kultur, seine eigene Sprache und Literatur ehtwiekelt hat und den Charakter eines Sondervolkes nicht verleugneil kann. Man versteht es unter diesen Umständen, wenn Kreppei in Anlehnung an diese jüdischen Verhältnisse im Osten das gän ze Judentum als ein ״Volk“ betrachtet und er Gedankengängen nachgeht, wie sie von nationalis tisch-jüdischer Seite propagiert werden, ohne daß er ׳selber Zionist ist. Seine Mentalität und Einstellung kommt natürlich bei Erörterung der weitverzweigten Probleme der Schul-, Sprachen- und religiösen wie andern jüdischen Fragen zum Ausdruck. Der historischen Entwicklung des West- Judentums im großen und ganzen, wird er dabei nicht gerecht; und der Hinweis, daß diese Bewegung nicht gradlinig verläuft und unter antisemitischen Rückfällen leidet, genügt nicht. Von dem 4. Kapitel an durchsetzt Kreppei seine Betrachtungen •mit statistischem Material über die Zahl der Juden, über ihre Organisationen, über ihre Kolonisationen besonders in Palästina und in sonstigen Weltteilen, über ihre Berufe üsw. Dieses Material hat er Publikationen der neuesten Zeit entnommen, ohne es anf seine Richtigkeit hin genau nachzuprüfen.: Daß dabei Kreppei mancherlei Irrtümer unterlaufen, wenn er z. B; Deutschland zu den Ländern mit jüdischer Massenbevölkerung rechnet oder wenn er den ״Charakter mancher Organisationen nicht richtig erkennt, mag nur nebenbei bemerkt werden. Trotzdem kann sein Handbuch schon wegen des historischen Teils, der den Hauptteil seines Werkes ausmacht, als ein gutes Auskunftsmittel und Nachschlagewerk für jeden, der sich. für jüdische Schicksale interessiert, angesehen werden. Julius Röthh01 z.

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