Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 71 (1927)
- Issue
- Heft 3
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 149 (sequence 1)
- Language
- German
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149 Juden und Judentum von Heute, ein Handbuch von J. K r e p p e 1, Regierungsrat. Amultbea-Verlag, Zürich, Wien, Leipzig 1925. Ein Führer durch die 15 Millionen Juden der Gegenwart, die über die ganze Welt zerstreut sind, und die neuen Probleme, welche das Judentum des XX. Jahrhunderts beschäftigen, soll das Kreppelsche Handbuch sein. Da aber im ersten Viertel unseres Jahrhunderts sich die Ereignisse überstürzten, große, mächtige Reiche zusammenbrachen und der politische Weltatlas, wesentliehe Aenderun gen auf zuweisen hat, der Autor ein fleißiger, aufmerksamer Sammler aller Ereignisse ist, welche die Judenheit und däs Judentum angehen, hat sich sein Werk zu einem dickleibigen Bande von 900 Seiten ausgewachsen. In der Zeitspanne der letzten 25 Jahre bildet der Weltkrieg eine tiefeinschneidende Zäsur, aber da er sich über Jahre hinzog, bevor die Entscheidung fiel, ergeben sich auf ganz natürliche Weise drei scharf von einander sich unterscheidende Zeitabschnitte, die Kreppei betrachtet und beleuchtet, die Vorkriegs zeit von 1900—:1914, die Weltkriegs zeit von 1914—1918 und die gegenwärtige Nachkriegsperiode. In dem ersten Zeitabschnitt war die Lage der Juden in den europäischen Kulturstaaten und in Amerika im allgemeinen eine befriedigende, nur in Deutschland vertiefte sich der soziale Antisemitismus, in Oesterreich war das wichtigste Problem das Elend der galizischen Juden, in Rumänien bewegte sich die antijüdische Politik seit Anfang des XX. Jahr- Hunderts in dem bisherigen Rahmen, und den Höhepunkt der Not erreichte das Schicksal der Juden in Rußland, wo sie zum leidenden Objekt der Gesetzgebung herabgedrückt wurden. Pogrome, die im Laufe der Jahre sich immer stärker wiederholten, steigerten die N°t der Juden; der Druck, unter dem die Juden standen, vergrößerte sich, da die russischen Staatsmänner ganz offen den Standpunkt vertraten, es seien der Juden zu viele in Rußland, und man müsse ihre Zahl verringern, sei es im Wege eines Zwanges zur Aus- Wanderung, sei es durch direkte Pogrome oder durch Einschränkung der Existenzmöglichkeiten und ähnliche Maßregeln. Unter diesem Zwange, unter dem die . Ostjuden standen, vollzog sich ihre Auswanderungen nach dem Westen, besonders aber nach den Vereinigten Staaten, nach Canada und Südafrika, durch welche die Grundlage für neue jüdische Zentren gelegt wurde. Aber als der Weltkrieg ausbrach und die nationalen Leidenschaften zu dem Siedepunkte gelangten, lösten grade diese Auswanderungsgruppen selbst in Ländern antisemitische Strömungen aus, von denen vor dem Kriege nichts zu spüren waren. Selbst England zwang auch diejenigen Juden, die der russischen Hölle entflohen waren \1nd in seinem Lande ein Asyl gefunden hatten, zum Militärdienst, um, wenn auch indirekt, für den Sieg des Zaren ihr Blut zu vergießen. In Frankreich war die Lage eine ähnliche, Frankreich sollte sich für die russischen Divisionen revanchieren, die der Zar ihm zum Kampf gegen Deutschland verschafft hatte. Und wie verschlimmerte sich erst die Lage in den Ländern, die in Friedenszeiten einen gefährlichen Boden für unsere Glaubensgenossen abgaben. Die Entente und die Mittelmächte wandten sich mit Proklamationen an die Juden und versprachen ihnen das Himmelreich auf Erden, aber grade diese Anbiederungen verdächtigten die Juden bei den Völkern, in deren Mitte sie ־wohnten. Aus Galizien flohen die Juden vor den Russen nach Wien und in die gesicherteren Gegenden, ohne grade freundliche Aufnahme zu finden, und ob die Russen siegten oder Niederlagen erlitten, die Juden mußten es büßen, weil man sie im Verdacht hatte, deutschfreundlich zu sein, oder man schleppte sie bei Niederlagen in , weit entfernte Gegenden mit, gleichsam als Geiseln, damit sie sich; die Geknechteten, nicht mit den Siegern verbänden. Die Türkei ließ alle Juden, die nicht naturalisiert oder ottomanische Bürger waren, ausweisen, und viele von ihnen hatten sich nach Alexandrien begeben, und da kam der Gedanke zur Durchführung, aus Juden eine militärische Formation im Anschluß an die britische Armee zu bilden, woraus sich dann im Verlauf des Weltkrieges die jüdischen Legionen zum Schutze und zur Verteidigung Palästinas bildeten. Aber im allgemeinen muß gesagt werden, daß die englischen militärischen Machthaber wohl den jüdischenLegionären für ihr Verhalten reichliches Lob spendeten, sie( aber sowohl während der Kriegs aktion, als auch nachher nichts weniger als freundlich behandelten. In Deutschland flackerte, als die erste Kiiegsbegeisterung verflogen war und damit der offizielle Burgfrieden in die Brüche ging, der Antisemitismus von Neuem auf, und die Bewegung nahm einen Umfang und eine Intensität an, die das Aergste befürchten ließ.