Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Neuere Literatur zur jüdischen Sagenkunde
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 476 (sequence 1)
- Language
- German
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Neuere Literatur zur jüdischen Sagenkunde. Von Bernhard Heller in Budapest. II. Zur nachbiblischen Sagenkunde. Die nachbiblische jüdische Sagenkunde umfaßt ein weites Gebiet. Ihr gehören alle Erzählungen der Aggada an, sowie die Sagen, die im späteren Judentum entstanden sind, ob sie uns nun in hebräischer Sprache vorliegen, oder in der Sprache der Länder, wo Juden eine Heimat gefunden. In der Berichtsperiode, auf die sich die hier gebotene Sammelbesprechung erstreckt, in den Jahren: 1920—4925, ist für das Verständnis der Aggada, sowie für die Sammlung und Deutung jüdischer Sagen Vieles geleistet worden. Wir versuchen es, den reichen Stoff zu gliedern. Vorerst wollen wir jene Neuerscheinungen besprechen, welche die biblischen Gestalten in der Sage behandeln. Dann sollen Arbeiten über Sagen, die an religiöse Anschauungen anknüpfen gewürdigt werden. Endlich soll über Sagensammlungen berichtet werden. A. Biblische Gestalten in der Sage. 1. Kain und Abel. Professor Dr. V. Aptowitzer, Kain und Abel in der Aggada, den Apokryphen, der hellenistischen, christlichen und mohammedanischen Literatur• Wien und Leipzig (Löwit) 1922. 184 S. 8°.1 Der Titel erweckt den Anschein, als sei es hier zuviel der Verheißung. In Wirklichkeit bietet das gehaltvolle Werk mehr als es verspricht. Aptowitzer macht es sich gar nicht leicht, er geht der Aggada auf allen ihren Seitenwegen nach: im Targum und in den griechischen Uebersetzungen, bei Philo und Josephus,bei den syrischen, griechischen, lateinischen Kirchenvätern2, im Koran und in der muhammedanischen Legende (wobei Geiger, Grünbaum, Salzberger und Schapiro ihn leiten), in der jüdisch-persischen Dichtung (bei Schahin). Ja, er weist auch Zusammenhänge zwischen der Kainsage und der Halacha nach, verfolgt ,,unterirdische Wurzelfäden von den zarten Blumen der Aggada zu den mächtigen Eichen der Halacha(S. 75). Inder Strafe Kains bewähre sich der Grundsatz der talio מדה: כנגד 1 Aptowitzers .Buch ist in dieser Monatsschrift 1923, LXVII, 137—142 bereits gewissenhaft besprochen worden von Dr. Heinrich Speyer. Speyer faßt den Inhalt des Werkes ausführlich und genau zusammen und meint, es hätte sich mit dem bescheideneren Titel: ,,Kain und Abel in der Aggada“ begnügen sollen.. Selbst nach Speyers verständnisvoller Anzeige dürfte sich die .hier gebotene neue. Besprechung, welche einen wärmeren Ton der Anerkennung änschlägt, vielleicht •auch dadurch rechtfertigen, daß sie auf das Sagengeschichtliche näher ein geht. 2 Eine von Aptowitzer offen gelassene Frage kann leicht beantwortet werden. .,,Was aber die Deutung (seil, von דמשק) bei Hieronymus, Comm. in Esaj. Kap. 17, .,,sanguis cilicii“ bedeutet, weiß ich nicht; w־as soll hier ,,des cilicischen?“, fragt Apt. S. 146, A. 189. Gilicium bedeutet hier das härene Bußgewand, דמשק ist also — wie es A. klar nachgewiesen — in דם und שק aufgelöst und als die Stätte gedeutet,, wo Kain das Blut vergossen, dessentwegen er zu. büßen hat.