Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 5 · p. Seite 423

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 5
Article
[Rezension]
Date
1926-01-01
Page
Seite 423 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2829132-2829935-2829941-2833498--47180-2833645
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

423 und Josef ibn Zaddik, von den Aristotelikern Abraham ibn Daud und Mose ben Maimon eine ausgebildete Lehre von der Bestimmung des Menschen. Das ist darum besonders wichtig, weil weder der reife Aristoteles (die Jugendschriften kennt bekanntlich das Mittelalter nicht) noch Plotin eine solche Lehre kennen. Denn die Quellen für die jüdischen Denker müssen jetzt an anderer Stelle, für Gabirol etwa bei Pörphyrius, für ibn Daud und Maimonides bei den Kommentatoren des Aristoteles gesucht werden. Heinemann legt auf diese Feststellung besonderes Gewicht, weil sie nicht nur für das Sonderproblem der Bestimmungsiehre, sondern für den ganzen Umfang des Wertproblems giLt. Die herrschende Auffassung, die Aristoteles und Plotin zu Lehrmeistern des jüdischen Mittelalters macht, ist seiner Meinung nach nur für die theoretische Philosophie berechtigt, während das Eigentümliche des Lebensideals beider Denker dem jüdischen Mittelalter relativ fern liegt und hinter anderen der jüdischen Religiosität näher liegenden griechischen Einflüssen zurücktritt. So zutreffend die Feststellungen Heinemanns sind, wird man doch zweifeln dürfen, ob sie so weitgehende Folgerungen zu tragen vermögen. Die Bestimmungslehre ibn Dauds und Maimunis kommt zwar im Resultat dem einigermaßen nahe, was Heinemann auch bei den alten Aristoteleserklärern nachweist. Die Begründung der Lehre aber, besonders in der Form, wie sie Maimonides bietet, hat Heinemanns Belesenheit bei ihnen nicht nachzuweisen vermocht. Der von Maimonides und ebenso schon von Gabirol entwickelte Gedanke, daß die Erkenntnis die potentielle Vollkommenheit des Menschen aktualisiere und darum den Zweck des menschlichen Daseins bilde, findet sich bei ihnen nicht. Man wird darum doch mehr als der Verfasser tut mit der Möglichkeit rechnen müssen, daß die mittelalterlichen Aristoteliker, und ähnliches gilt von den Neuplatonikern, ihre Bestimmungslehre selbständig entwickelt und den Aristoteles in ähnlicher Weise wie seine antiken Kommentatoren umgebildet haben. Die Ansatzpunkte dazu waren bei Aristoteles leicht aufzufinden. Zum Verzicht auf seine Bestimmungslehre nötigte ihn seine Auffassung des Verhältnisses von Gott und Welt. In diesem Punkte hat Maimonides die Konsequenz seines Systems klar durchschaut. Aber mit der Umbildung seines Systems, wie sie die jüdischen Aristoteliker vollzogen, mußte sich aus seiner Teleologie eine Bestimmungslehre fast von selbst ergeben. Der Verfasser selbst weist gelegentlich auf die Stelle der Nikomachischen Ethik (I, 6) hin, in der die Erkenntnis als das Werk des Menschen bezeichnet und mit dem Werk seiner einzelnen Glieder in Parallele gesetzt wird. Im Sinne der immanenten Teleologie des aristotelischen Formbegriffs ist damit die Erkenntnis als der Zweck des Menschen bestimmt und es bedarf nur eines Schrittes, um sie auch zum Zweck seines Daseins zu machen. Auch für die Anschauung, daß die subl an arischen Welt um des Menschen willen da sei, fehlt es an Ansatzpunkten bei Aristoteles nicht. Neben der von Heinemann angezogenen Stelle aus der Politik (I, 8) denke ich an die offenbar von ibn Daud benutzten und weitergeführten Ausführungen in de partibus animalium II, U nach denen allgemein das Niedere um des Höheren willen da ist. Der Bestimmungsgedanke als solcher war von diesen Voraussetzungen aus unschwer zu erreichen. Aber freilich besteht, wie H. mit Recht hervorhebt, ein tiefer Gegensatz zwischen dem aristotelischen Lebensideal und dem zum Zweck des menschlichen Lebens erhobenen Ideal der jüdischen Aristoteliker. Aus der Allseitigkeit des aristotelischen Lehensideals heben sie einseitig die theoretischen Elemente heraus und geben ihnen zugleich eine religiöse Wendung, die Aristoteles nicht kennt. Gerade hier aber sehen wir mit besonderer Deutlichkeit, wie sie sich den Aristoteles selbst assimilieren. Maimonides übernimmt die ganze aristotelische Tugendlehre, aber es ist leicht zu sehen, wie er sie einem ganz anderen ethischen Ideal einordnet. Auch in der einseitigen Betonung des theoretischen Elements in dem aristotelischen Lehensideal folgt das Mittel״ alter nicht lediglich den Erklären! des Aristoteles, deren Einfluß gewiß nicht geleugnet werden soll, sondern hebt zugleich spontan aus der Nikomachischen Ethik die dem eignenen Denken wahlverwandten Züge heraus, denen gegen־־ über der Verfasser die trennenden Momente ein wenig zu scharf betont. Bald hinter der von ihm (S. 6ל) angeführten Stelle aus der Nikomachischen Ethik (10, 7), nach der das theoretische Leben den Menschen über sich seihst zum Göttli•eben hinaushebt, wird doch dieses Göttliche als das eigentliche Wesen des Menschen bezeichnet in genauer Uebereinstimmung mit der vorhin an-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.