Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Neuere Literatur zur jüdischen Sagenkunde
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 386 (sequence 2)
- Language
- German
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386 Vielleicht stoßt sich manches gläubige Gemüt daran, daß die Erzählungen unserer Heiligen Schrift mit Kinder- und Ammen* märchen, mit Mythen und Sagen verglichen werden. Durch diese Vergleichung geschieht jedoch dem Ernst, der Würde, der Weihe unserer Bibel kein Abbruch, aber so mancher Dienst. Der sittliche Gehalt der Erzählung von Noe kann durch keine noch so eindringliche Erklärung so klar und gewaltig veranschaulicht werden wie durch die bloße Gegenüberstellung mit dem babylonischen Sintflutmythos. Mit der Erzählung von Joseph wird so manches verglichen: das ägyptische Brudermärchen, das Märchen vom braven glücklichen jüngsten Sohn, neuestens (ZATW 1926, XLIV, 94—135) die griechische Sage von Theseus und Ariadne, Jason und Medea, vom Nationalheiden, der im Ausland Plagen und Prüfungen besteht und schließlich zur Herrschaft gelangt; diese Vergleichungen können nebeneinander oder gegeneinander gemacht werden, können schwanken; nicht kann schwanken die Belehrung, auf welche die Josephserzählung eingestellt ist: das Böse, das menschliche Schwäche sinnt, wendet Gott zum Heile der Gemeinschaft (Gen 5020). Arion wird durch den Delphin gerettet, wie Jona durch den Walfisch; zeigt uns aber auch Arion, wie Jona, den Beruf des Propheten, fremde Völker zu bekehren, bietet er uns die Lehre von der göttlichen Gnade und von der menschlichen Liebe? Nur ein Beispiel, wie durch Märchenvergleichung die Erklärung der Schrift an Innigkeit gewinnt. Die Unmittelbarkeit der göttlichen Lehre wird derart veranschaulicht, daß man um der Lehre willen nicht in den Himmel zu steigen, nicht übers Meer zu fahren braucht, denn nahe ist sie: in Herz und Mund (Deuter 30n-14). Gunkel sieht (nach Schräder) hier die Bekämpfung der Volksvorstellung, die ihre Helden in andere Welten ziehen läßt, auf der Suche nach dem Wunderdinge, B. dem Lebenswasser; wir müssen dieses Gut nicht aus Märchenferne holen, wir besitzen es in der göttlichen Lehre. Allerdings müssen wir uns die Freiheit des Urteils über jede dargebotene Sagen Vergleichung wahren. Wir wahren sie natürlich auch gegenüber Gunkel, Saintyves und Frazer, deren richtungweisende Werke uns im Folgenden beschäftigen sollen. Wir werden oft Anlaß haben, den Aufstellungen von Gunkel, öfters denen von Frazer und noch öfters denen von Saintyves zu. widersprechen. In manchem Leser wird sich vielleicht der Widerspruch noch lebhafter regen. Jedoch grundsätzlich darf das Recht der Vergleichung nicht bestritten werden. ,,Wer im Ernste der Ueberzeugung ist, daß Israels Religion den heidnischen überlegen ist, braucht doch einen Vergleich israelitischer und heidnischer Stoffe nicht zu scheuen, sondern wi1;d von vornherein; des Glaubens leben, jede verständige Vergleichung mit d.er Fremde werde nur die eigentümliche Hoheit des Biblischen heraussteilen'V (Gunkel im Jahrbuch für jüd. Gesch. und, Literatur 1920 S. 36). Und auch, wenn wir die Heilige Schrift als schriftstellerisches Werk, als Kunstwerk betrachten, braucht uns. vor dem Vergleich nicht bange zu sein. Frazer, der einen hohen Maßstab anlegt, bewundert an ihr ,,das unsterbliche Gepräge der Anmut und Voll-- kommenheit“.