Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Eine alte jüdische Predigt
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 370 (sequence 5)
- Language
- German
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370 In der vorliegenden. Fassung nun weist die Predigt eine bemerkenswerte Geschlossenheit der Darstellung auf. Ein Gedankengang greift in den anderen, logisch fügt sich eine Deutung der anderen an, und wenn auch die Bibelauslegung nicht die von uns heute beliebte ganz einfache ist, so ergibt sich doch zwanglos der innere Zusammenhang jedes zitierten Bibelwortes mit dem gerade geäußerten Gedanken. Zugleich ist sie in ihrer Geschlossenheit geradezu ein Schulbeispiel für Art und Richtung der alten jüdischen Predigt. Sie ist zunächst Bibelauslegung, sowohl in der Art wie der Jeremiavers in jedem seiner Worte gedeutet und erklärt wird, als auch in der Anknüpfung an die Erzählung von Jakobs Traum. Hier will sie den scheinbaren Mangel an Logik hinwegräumen, der in der Wortfolge der biblischen Erzählung dadurch gegeben ist, daß es von den Engeln heißt: ״sie stiegen herauf und hinunter‘', während man doch bei der himmlischen Heimat der Engel erwarten dürfte: ״sie stiegen hinunter und herauf ‘. Des zur Erklärung die Beziehung auf die Schutzgeister der Volker, denen entsprechend Auf- und Abstieg der Völker sich vollzieht. Zielsicher wird Tröstung gespendet, sowohl in der Versieherung, daß dem unübersehbaren Aufstieg Roms ein Ende gesetzt werden wird, als auch in der Versicherung der ewigen Dauer Israels und seiner Rückführung aus den Ländern der Gefangenschaft, in aller Trübsal des Druckes und der Verfolgung ein kräftiger und die Seelen auf richtender Trost. Herzensfrömmigkeit wird mit dieser Predigt in die Seelen gesenkt, denn mit einem nicht mehr übertreffbaren Nachdruck wird die wunderwirkende Kraft eines festen und über den Zweifel siegenden Gottvertrauens geschildert und gezeigt, wie ein einziger Augenblick mangelnden Gottvertrauens und des Zweifels an Gottes Verheißung für unübersehbare Zeiträume Israel ins Verderben stürzen kann; zugleich wird so das Gefühl der Verantwortlichkeit des einzelnen geschärft mit dem Hinweis darauf, daß unseres Vaters einmalige Schwäche im Vertrauen auf Gott über ganz Israel Verbannung und Knechtschaft brachte. Und damit es nicht bei der bloßen Gefühlsfrömmigkeit sein Bewenden habe, wird mit dem Hinweis auf die Verpflichtung, die Ecke des Feldes für die Armen stehen zu lassen, das jüdische Religionsgesetz als lebendige Auswirkung der Frömmigkeit in Erinnerung gebracht; und damit ist zugleich noch ein anderes wichtiges Ziel erreicht. Es hätte nämlich die Gefahr nahegelegen, daß der Hörer aus dem Jeremiavers die Versicherung einer ewigen Dauer Israels herauslesen hätte können, die gegeben und verbürgt sei ohne jede Rücksicht auf die seelische und sittliche Haltung Israels selbst, daher die an das Wort כלה angelehnte Begründung der Verheißung ewigen Bestandes mit der Erfüllung des erwähnten Gebotes, so am Beispiel lehrend, daß Israels Sein mit der Thora in unauflöslichem Zusammenhang stehe und seine Dauer von dem Willen, sie zu erfüllen, abhängig sei. Als das Beispiel einer alten jüdischen Predigt in ihrer Eigenart und ihrem Ziel, sei sie zum Andenken an den Meister der neuzeitlichen jüdischen Predigt wiedergegeben.