Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Manuel Joel und die Kultusfrage
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 347 (sequence 18)
- Language
- German
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347 Wunsch nach einem gemeinsamen Gebetbuch sei vielleicht berechtigt, aber auch so sei Einheitlichkeit des Kultus da. So viel Erkenntnis der Geschichte sei heute vorhanden, daß keiner einen Phantasie- Gottesdienst wünsche, daß man nicht erkennen sollte, wie der Kultus einer Religionsgemeinschaft aus dem ihr eigenen Geiste heraus erzeugt werden müsse. Das Fazit einer ganzen wichtigen und bewegten Epoche des Judentums und zugleich seines eigenen Lebens, das Joel hier zog! Das Bild des Redners in seiner Ehrwürdigkeit und Vornehmheit, in seiner herzgewinnenden Liebenswürdigkeit und eindrucksvollen Ausgeglichenheit steht mir, der ich als junger Seminarist an jener Versammlung teilgenommen habe, unauslöschlich vor Augen. Es vertiefte sich in seinen Eindrücken in den folgenden Jahren, in denen ich mit meinen engeren Freunden den Vorzug häufigen und innigen . Verkehrs mit dem ausgezeichneten Manne und seinem Hause genoß. Hier empfanden wir, daß viel stärker noch als in seinem Wissenschaftliehen Schaffen die Bedeutung und der Einfluß Joels in seiner wundervoll harmonischen Persönlichkeit lag, die alle Gegensätze —־ nicht bloß wie in der Kultusfrage diejenigen der Vergangenheit und Gegenwnrt — in unvergleichlicher Weise in sich selber und darum auch rings um sich her auszugleichen wuißte. So lebt er in unserem. Gedächtnis, die wir ihn kannten, weiter, als Zeuge der Wahrheit des Dichterwortes, höchstes Glück der Erdenkinder sei nur die Persönlichkeif. Seine wissenschaftlichen Anschauungen über die Kultusfrage aber haben sich siegreich durchgesetzt und in den meisten modernen Gotteshäusern des deutschen Judentums ihre praktische Verwirklichung gefunden. Manuel Joels Bedeutung für die jüdische Predigt. Von Be er mann in Heilbronn. Drei Dinge kommen nach einem Worte des Talmuds (Saiih. 97 b) unversehens: der'Messias, der Fund und der Skorpion, oder im übertragenen Sinne des Wortes: ein erlösender Gedanke, eine Eingebung des Geistes und der Stachel des Leides. Damit wäre jene Genialität umschrieben, die aus geheimen Tiefen, aus innerem Drange, sich selbst unbewußt, in naturgegebener Triebhaftigkeit des Schaffens — Ewigkeitswerke wirkt. ׳ y Der Mann, dem diese Zeilen als einem Großen in Israel gewidmet sind, nicht aus innerer Nötigung war er ein Künder des Gotteswortes auf der Kanzel geworden. Nicht war er einer jener vulkanischen Geister, die aus dem Feuerherd ihres Innern strahlende Lichtgarb^n aufsteigen lassen, sondern eine durchaus reflektive Gelehrtennatur, ein Mann von kritischer Abgeklärtheit des Wesens hatte in J. den Weg zur Kanzel gefunden. Als er aber,: von Zacharias F. r ank e,l entdeckt und von der Breslauer Gemeinde berufen, diesen Weg betreten, da zeigte, sich gerade auf diesem Gebiete seiner Tätigkeit der fruchtbarste Teil seiner vielfachen Begabung. .