Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Jüdische Weltanschauung im Geistesspiegel M. Joels
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 325 (sequence 2)
- Language
- German
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dem Laienauge anschaulich dargestellte und ausgewertete Gedankenweit. , Von welcher Seite auch immer wir das Bild seiner geistigen Persönlichkeit betrachten mögen, ob wir ihn als gelehrten Forscher oder als Meister der Kanzelberedsamkeit ins Auge fassen, ־das Eigentümliche und Charakteristische an ihm ist der philosophische Kopf, die Richtung seines Denkens auf das Transcendente, das Bestreben, das Judentum als Lehre in seiner Ganzheit nach den klassischen Vorbildern der Vergangenheit zum Range einer Weltanschauüng zu erheben. Wohl war J. nichts weniger als ein trockener Schülphilösöph, keiner jener zünftigen Baumeister, die Stein auf Stein legen, um ein gedankenschweres System aufzurichten. Er nennt sich selbst einmal bescheiden einen ,,Philosophenjünger/‘ was an den DDH תלמיד erinnert. Aber wir setzen ihm sein eigenes Wort entgegen: ״Ist denn nur das schulmäßige Philosophieren ׳ein Philosophieren?1״ Gewiß nicht. Wenn aber philosophieren bedeutet das Streben und Ringen nach einer Weltanschauung, welche die zeitlichen Erscheinungen im Lichte der Ewigkeit betrachtet und die Ewigkeitswerte als grünendes Reis in die Zeitlichkeit zu pflanzen sucht, oder nach seinen eigenen Worten ״die göttliche Vernunft in allem Geschichtlichen und Natürlichen durch Denken zu erkennen suchen2״, so war J. ein Philosoph eigenen Gepräges und aus sich selbst schöpfenden Geistes nicht bloß in seiner Studrerstube, sondern auch auf der Kanzel. Der Gegenstand seines philosophischen Denkens war die Religion und die Aufgabe, die er sich stellte, war der Nachweis, daß die Wahrheit der Vernunft und die Wahrheit des Gemütes, die objektive und die subjektive Gewißheit, sich gegenseitig ergänzen und berichtigen müssen, um die eine Wahrheit zu setzen. Im scholastischen Mittelalter war zwischen den beiden Geistesmächten ein Streit um den Vorrang oder, wie man zu sagen pflegt, um den Primat und die Ent- Scheidung lautete zumeist: pliilosophia ancilla theologiae. Die noch nicht geschriebene Geschichte der jüd. Religionsphilosophie wird von solchen Konflikten nur selten zu berichten wissen, dagegen viel über die seit Saadia in fast jedem Zeitalter erneuten Versuche jüdischer Denker, die scheinbaren Gegensätze zwischen dem Inhalt des Wissens und des Glaubens auszugleichen und zu harmonisieren. Auch in Joels Seele haben Philosophie und Religion sich die Hand gereicht zu harmonischem Bunde und aus dieser Vereinigung entstammte eine Weltanschauung, die nachfolgend Gegenstand einer lairzzusammenfassenden Darstellung sein soll, die uralte, nicht gewaltsam modernisierte, ihrer Eigenart nicht entfremdete Weltanschauung des Judentums, die im Lichte seines Geistes neu und eigenartig erscheint. Kraft der Erkenntnis und Macht der Religion — beide entspringen aus derselben Quelle, aus der Menschenseele; beide suchen die Antwort auf die Frage des Menschen nach den letzten Gründen des Daseienden, beide haben denselben Gegenstand, nämlich ״die Be- 1 Religiös-philosophische Zeitfragen, S. 82. 2 Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Jdt, 1859, S. 135.