Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Erinnerungen an Manuel Joel
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 317 (sequence 3)
- Language
- German
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317 hunderts II“1 bis in seine antiken Ursprünge verfolgte und mit der beredten Kraft eines Zeitführers in der Streitschrift gegen Treitschke und in mancher Rede bekämpfte. Er konnte damals uns jüdische Studenten anregen, den Katholiken durch Beteiligung an der Einzugsfeier eines Fürstbischofs Teilnahme zu bezeugen zur Beendigung des Kulturkampfs, und er begrüßte auch die von manchen als modernes Makkabäertum bespöttelte Gründung einer jüdischen schlagenden Verbindung. Die antisemitische Bewegung raubte ihm ׳ nicht die Liebe zum deutschen Reich, in dem er sich damals, als die ,,Rückkehr nach Zion“ auch noch keine Parole mit praktischem Sinn bedeutete, durchaus heimisch fühlte, und er sprach im vertrauten Kreis mit Achtung vom ,,braven“ Charakter des alten Kaisers und vom ,,ritterlichen“ Kronprinzen. Kritischer beurteilte Manuel Joel den späten Bismarck, dessen Sturz durch den jungen Kaiser er voraussagte. Trotz der Abneigung gegen allen Heldenkult verehrte er in jedem großen Mann ausdrücklich ein ,,Mysterium“ als eine Vereinigung anscheinend unvereinbarer Eigenschaften. Ich weiß nicht mehr, wo er diese Deutung des großen Mannes ausgesprochen hat, aber ich weiß, daß sie sich mir in Jahrzehnten historischer Arbeit oft und tief bewährt hat. Manuel Joel war selbst ein historischer Geist — nicht im Sinne des Akten wälzenden Sammlers, sondern aus Liebe zum Gegebenen, Gewordenen, Gewachsenen, in Schätzung namentlich der heiligen Tradition, der er zugleich aus geschichtlicher Kenntnis, aus philologischer Fähigkeit und aus philosophischem Geist eine lebendige Deutung und eine praktisch vorbildliche Kraft für die Gegenwart zu geben wußte. Dabei ließ er auch der Gegenwart ihr Recht und hatte ein scharfes Ohr für die Zeitforderungen. Damit komme ich auf das Zentrale seiner Einstellung in Denken und Leben, die wohl andere in eine unlösliche Problematik verwickelt hätte, die bei ihm aber gerade die Stärke und Eigenart seiner Leistung und Wirkung auslöste. Seine Zeit war wie keine andere erfüllt vom Streit der Konservativen und Liberalen, vom Kampf des Glaubens und Wissens, der Religion und Kultur, der Idealisten und Realisten, der Theoretiker und der Praktiker. Manuel Joel war beides; er war nicht nur Theoretiker und Praktiker, er war konservativ und liberal, Idealist und Realist, ein Mann des Glaubens und ein Mann des Wissens. Ja, er war eine Mittlernatur; aber er war es nicht wie meist solche aus Schwäche, Halbheit und Unklarheit, sondern aus Reife und überschauender Erkenntnis; er gab den! Mittlertum Kraft, Charakter und Bewußtsein. Er ließ den Lebensrichtungen ein Recht der Entfaltung und wollte nur nicht, daß ein ,,Hetzer“ mit Gewalt den notwendigen Ausgleich störe. Er wollte keine Richtung auf zwingen, weder im Glauben noch im Denken. Als ich beim Tod meines Vaters in pessimistischer Stimmung ihm über Zweifel klagte, beruhigte er den Primaner. Der Zweifel erwache natürlich in jeder Menschenbrust, die sich entwickeln solle. Als dann der Student im zweiten Semester der naturalistischen Zeitströmung verfallen in einer philosophischen 1 Vergl. auch ,,Die Angriffe des Heidentums gegen Juden und Christen in den ersten Jahrhunderten der röm. Cäsaren“ 1879.