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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 5 · p. Seite 316

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 5
Article
Erinnerungen an Manuel Joel
Date
1926-01-01
Page
Seite 316 (sequence 2)
Language
German
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316 ihn reden, erklärte er wohl, wenn er unvorbereitet einen Toast gehalten, in dem die Blitze sprühten; dennoch weiß jeder, der ihn hörte und las, wieviel Geistesarbeit hinter jeder seiner Kundgebungen steckte und wie er durchaus kein Mann der genialischen Stimmung sein wollte und die rhetorische Phrase ebenso mied wie die triviale Redensart. Er erzählte zustimmend von einem bekannten Amts־־ genossen, der bei jeder öffentlichen Aeußerung ein Blatt Papier in der Hand hielt, um nicht den Eindruck bloßer Improvisation zu erwecken. Ein berühmter Schauspieler hängte sich einst in einer Gesellschaft Manuel Joel in den Arm mit Berufung auf Goethe, der ja sage: ein Komödiant könnt״ einen Pfarrer lehren. Das sagt Goethe nicht, antwortete Joel ruhig dem verblüfften Mimen, der nun auf seine Rollenkenntnis pochend bei diesem Faustzitat beharrte; doch er mußte sich erinnern lassen, daß Faust dort erwidert: Ja, wenn der Pfarrer ein Komödiant ist, und daß Goethe auch weiterhin dort die Empfehlung der Rhetorik kräftig ablehne. Die Anekdote zeigt charakteristisch, wie Joel gegenüber dem Manne des bloßen Wortes nur den geistigen Gehalt, den gemeinten Sinn gelten läßt. Nicht daß er die Kraft des Wortes unterschätzte; er beachtete es schon aus philologischer, ja etymologischer Neigung, und er hatte ja selber wie wenige das Wort in der Gewalt und wußte es eigenartig zu prägen, aber zur dienenden Form des Inhalts. Stilistische Fähigkeit ward schon dem Abiturienten bezeugt, und seinen damaligen Vortrag über die Araber wünschte der Prüfungsleiter privatim zu Ende zu hören, weil ihn auch der Inhalt fesselte. Die künstlerische Form war Manuel Joel nie Selbstzweck, aber sie lag auf seinen Worten wie angegossen, wie unbewußt mitgeboren. Man dürfe aber das Unbewußte nicht überschätzen gegenüber dem Bewußten, mahnte er mich, als er den jungen Studenten einmal von Musik gar zu sehr hingerissen sah. So fern ihm alles Pathos lag und zumal das musikalische, so konnte er doch gerade am Grabe Meyerbeers so ergreifend sprechen, daß der Berliner Oberbürgermeister dem Vorstand nahelegte, diesen genialen Redner nach Berlin zu ziehen. Seine Beredsamkeit war keine schwelgende und darum nicht vorüber־־ rauschende, sondern eine prägende und darum. auch einprägsame. Wie mir Wendungen aus seinem Gebetbuch seit Jahrzehnten im Gedächtnis haften blieben, so klingt mir heute noch nach fast 46 Jahren eines seiner Worte am Sarge meines Vaters im Ohr: ,,War uns doch dieser Bruder besonders teuer, da er die Züge dessen trug, den unsere verzeihliche kindliche Eitelkeit den edelsten der Menschen nannte/' Ich führe dergleichen an, damit man nicht hinter seiner unschwärmerischen Beredsamkeit etwa ein Ueberwiegen des formenden Intellekts und einen Mangel an Herz wittere. Die Pietät war ein und vielleicht der stärkste Grundtrieb seines Wesens; sie umfaßte seine engere und weitere Familie, seine Gemeinde, das Vaterland und zumal das Judentum; sie war die Wurzelkraft seines gefestigten und doch unfänatischen Glaubens. Im letzten Jahrzehnt seines Lebens ward seine konziliante Natur tief erregt durch das Anwachsen des Antisemitismus, den er zugleich mit der Gründlichkeit des historischen Betrachters in den ״Bücken in die Religionsgeschichte zu Anfang des 2. christlichen Jahr-

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