Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Rabbiner Dr. Manuel Joel zu seinem hundertjährigen Geburtstage
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 306 (sequence 2)
- Language
- German
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306 Bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr ״lernte.“ der ungewöhnlich begabte lebhafte Knabe in der Jahrhunderte lang geübten Weise bei seinem talmudisch gelehrten Vater und legte in diesen Jahren regsamster seelischer Empfänglichkeit den Grund zu seinem umfangreichen und tiefen rabbinischen Wissen. Aber auch der Atem einer von den früheren Jahrhunderten völlig verschiedenen Zeit war in das Vaterhaus gedrungen, und so wurde er, gleich seinen beiden älteren Brüdern1, von den Lehrern der jüdischen Gemeindeschule zu Schwerin in die Welt profanen Wissens, insbesondere in die Kenntnis der klassischen und modernen Sprachen eingeführt. Seine Lehr- und Wanderjahre fallen in die glühend erregte Zeit der auf die Emanzipationskämpfe folgenden religiösen Parteikämpfe des deutschen Judentums. In demselben Jahre, in welchem die Reformgenossenschaft in Berlin sich konstituierte und die Rabbiner- Versammlung in Frankfurt tagte, 1845, trat Joel als Neunzehnjähriger, nach dem frühen Tode seines Vaters, in die Sekunda des Gymnasiums zu Posen ein, das er drei Jahre später, im Sturmjahr 1848, mit dem Zeugnis der Reife verließ2, um in Berlin klassische Philologie und Philosophie zu studieren. Nach vierjährigem Universitätsstudium, das er mit glänzend bestandenem Oberlehrerexamen abschloß, stand er vor der Wahl des Berufes. Die bald nach 48 einsetzende Reaktion ließ ihm eine Anstellung im höheren Lehramt als ebenso aussichtslos erscheinen wie die akademische Laufbahn, zu der ihn Begabung und Neigung drängten. ,,Das Ziel, das ihm vorschwebte und das er bis an's Ende seiner Tage als das schönste und begehrenswerteste betrachtete, war, wie er es einmal selbst bezeichnet hat: das wissenschaftliche Stilleben.“3 * So arbeitete er, in der Hoffnung an irgend einer jüdischen Lehranstalt eine erste Stelle zu erhalten, an seiner theologischen Fortbildung mit hingebender Gewissenhaftigkeit weiter. Von weittragendem Einfluß auf seine geistige Entwicklung in den Berliner Jahren war der vertraute Umgang mit Michael• Sachs, der seit 1844 in Berlin wirkte und dessen Predigten der gereifte Student mit weitgeöffneter Seele auf nahm. Michael Sachs war ein Mann von faszinierender Wirkung. ״Eine ideale, lautere Persönlichkeit, wie Gabirol und Jehuda Halevi, die sich nur auf den lichten Höhen des. Lebens wohlbefand und vor der Niedrigkeit einen physischen Ekel empfand. Keine Zwiespältigkeit war in seinem Wesen; Fühlen, Denken und Tun war bei ihm aus einem Gusse. Darum war er so unerbittlich scharf gegen Falschheit, Zweideutigkeit und Gleißnerei, gegen jede Schaustellung und jedes Gepränge, gegen die aufgeblasene Hohlheit und Eitelkeit, und zlich- 1 David Joel, Rabbiner in Krotoschin, zuletzt Seminarrabbiner am jüdischtheologischen Seminar5 zu Breslau, ge st. 1882, und Hermann Joel, Rabbiner zu Hirschberg, gest. 1881; der letztere Vater des Basler Philosophieprofessors Carl J0S1. 2 Seine ,,ungewöhnliche stilistische Begabung“ wurde in dem Maturitätszeugnis besonders hervorgehoben. 3 Ziemlich im Vorwort zu den ,,Predigten aus dem Nachlaß“ von Dr. M. Joäl, Seite VI.