Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 4
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 301 (sequence 2)
- Language
- German
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301 reiche Gedankengänge über Bolschewismus, Lenin, dem er Treffsicherheit des Instinkts und Mut zur Verwirklichung nachrühmt. — Sehr skeptisch verhält er sich zur Gesellschaft, zü'r konventionellen ־ Geselligkeit. Allein zu stehen, ohne Freund zu sein, ist ihm erstrebenswert. Am heftigsten wird sich der Widerspruch angesichts der Ausführungen in בינו לבינה und an anderen Stellen,, die das Weib und überhaupt Fragen der Erotik und Sexualität, behandeln, regen.. Daß die Bekanntschaft mit den Freuden, des Lebens nicht selten mit Pessimismus und Weltdämmerungsstimmung gepaart.ist־, ist bekannt. Auch bei Klatzkin besteht ein Zusammenhang zwischen ,dem ungestümen Trieb, in den Strudel des Lebens hinabzutäuchen, die Sünde zu suchen (החטא הגדול ביותד— לאבד בנפש אח הבח לחטא), und der Negation des Denkers. Diese Tendenz zur Verneigung führt von den זוטות, wo sie gelegentlich anklingt, zu שקיעת.החיים, wo sie die führende stimme .wird. Denn hier ist, vom ersten Kapitel, den ראשי פרקים, abgesehen, die die psychologische Grundlegung {auch Denkpsychologie, ferner logische, erkenntnistheoretische und vor allem mathematische Erörterungen z. B. über Differentialrechnung, nichteuklidische Geometrie) bringen, alles auf das .״-Nein“, die Verneinung gestimmt: איון הישות, איון החמדה, שמיטת עולם. Zunächst parallelisiert Klatzkin in geistvoller Weise das Gebiet der Erkenntnislehre (etwa Logik und Erkenntnistheorie) und der Ethik, oder das Reich des Seins und das des Sollens, indem er zwei Schichten in beiden nachweist. שכל und תבונה, also etwa Verstand und Vernunft. Jener ist ein regulatives, ordnendes Prinzip, eng mit der Sinnlichkeit verstrickt, der Gesetze des Tatsächlichen aufstellt, diese bohrt mit ihrer Frage : Warum? tief in das Fundament der Wirklichkeit hinein. Während also der שכל etwa im Gebiet der Ethik alles Phaenomenologische leistet, rührt die תבונה an die Wurzel und fragt, warum das alles? Es ist der kritisch-skeptische Faktor. תכונה will das Absolute und findet nur Relatives, und alle Abstraktionen zu denen sie gelangt, sind nur־ erneut verhältnismäßig abstraktere, größere Verallgemeinerung zustande bringende Relativität. Alles Streben nach Letztem (sei es Atom, Elektron, letzte Ursache etc.) ist nur eine Station, dazu bestimmt, überwunden zu werden. Klatzkin zeigt u. a. die logischen Schwierigkeiten der Infinitesimalrechnung, der Lehre vom Werden (der Bewegung in der Mechanik und Werden in der Biologie) und deckt den Selbstbetrug der Vernunft auf, Gedanken, die an Schopenhauer anklingen, wenn er die Geschlechtsliebe als eine Falle bezeichnet, die der Weltwille dem Individuum stellt, um gegen dessen Interesse für die Erhaltung der Art zu sorgen. In Klatzkins Buch werden dabei Zenons Paradoxa und anderes philosophiegeschichtliche Material herbeigetragen, so daß der Leser viel Gewinn hat. Das Ergebnis ist, daß die Vernunft zwar auf dem richtigen Wege ist, indem sie von immer mehr Gegebenheiten abstrahiert. Konsequent aber wäre sie erst, wenn sie zur letzten Verneinung käme. So ist nur die Richtung auf die Negation unverkennbar und die Methode der Verneinung deutlich. Immer wieder aber fällt die Vernunft, aus Gründen des Willens zum Leben, in Kompromisse mit der Gegebenheit zurück. — Ein letzter Rettungsversuch des Lebens, das durch die Arbeit der Vernunft immer mehr gelähmt wird, durch die ästhetische Weltbetrachtung und ihre schöpferische Gefährtin, die Kunst, muß mißlingen, weil die Uebermacht des Denkens auch auf sie zersetzend wirkt. In unseren Tagen ist auch die Glaubenskraft der Menschheit derartig geschwächt — sie war eine vitale Leistung des noch nicht durch das Denken verdorbenen Menschen — daß auch von ihr keine Rettung zu erwarten ist. Alles, auch im geistigen Leben, strebt dem Maximum der Entropie zu, und, gleich dem Wärmetod des Clausius wird der absolute Tod, durch das Denken verursacht, dem Leben endgültig ein Ende machen. Der Autor hat jedenfalls einen imposanten Bau aufgerichtet, der freilich in •der jüdischen Philosophie wenig Vorgänger hat. Die wissenschaftliche Philosophie und skeptische Kulturkritik unserer Gegenwart haben viel Anteil an Klatzkins Lehre, der es aber keinesfalls an Originalität der Gedankenführung fehlt. Sie bereichert zweifellos die jüdische Philosophie und Literatur. Berlin. Oskar Wolfsberg.