Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Besitzt das überlieferte Judentum Dogmen?
- Date
- 1926-01-01
- Page
- 225 (sequence 1)
- Language
- German
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Besitzt das überlieferte Judentum Dogmen? Von Leo Baeckin Berlin. Im vorletzten Hefte der Monatsschrift (S. 65 ff.) ist in sehr dankenswerter Weise von Professor Scheftelowitz die Frage aufgeworfen worden, ob ,,das überlieferte Judentum eine Religion ohne Dogmen ist“.. Die Frage ist des öfteren gestellt worden. Wenn sie so selten eine genügende Antwort gefunden hat, so liegt es daran, daß zumeist das, was zunächst hätte geschehen sollen, unterlassen worden ist, daß nämlich verabsäumt wurde, vorerst einmal festzustellen, was unter einem Dogma zu verstehen ist. Wurde so das Wort Dogma fast immer nur in einer redensartlichen Bedeutung gebraucht, so kann es nicht wundernehmen, daß dann auch die Antwort auf unsere Frage bloß im Unbestimmten oder im Rhetorischen blieb. Daß man dieser Forderung, den Begriff zunächst einmal zu definieren, meist sich überhoben geglaubt hat, ist wohl auf eine Art von Tradition zurückzuführen. Es ist seit längerem wie eine Ueberlieferung, daß Moses Mendelssohn den Satz aufgestellt hat, das Judentum sei eine Religion ohne Dogmen. Nur sehr bedingt ist dies jedoch richtig. Was Mendelssohn erklärt hat, ist ein anderes, ein viel Umfassenderes. Er spricht es dem Judentum überhaupt ab, daß es geoffenbarte Religion, im eigentlichen Sinne, sei und erkennt ihm nur geoffenbarte Gesetze und geoffenbarte Geschichts- Wahrheiten zu. Judentum war ihm reine Vernunftreligion. ,,Die Religion meiner Väter weiß, was die Hauptgrundsätze betrifft, nichts von solchen Geheimnissen, die wir glauben und nicht begreifen müßten. Unsere Vernunft kann ganz gemächlich von den ersten sichern Grundbegriffen der menschlichen Erkenntnis ausgehen, und versichert sein, am Ende die Religion auf eben dem Wege anzutreffen“1. ,,Ich erkenne keine andere ewige Wahrheiten, aisdiedermenschlichenVernunftnicht nicht nur begreiflich, sondern durch men schliehe Kräfte dargetan und bewährt werden können. ...... . Ich halte dieses . . . für einen wesentlichen Punkt der jüdischen Religion und glaube, daß diese Lehre einen charakteristischen Unterschied zwischen ihr und der christlichen Religion ausmache. Um es mit einem Worte zu sagen: ich glaube, das Judentum wisse von keiner geoffenbarten Religion, in dem Verstände, in welchem dieses von den Christen genommen wird,. Die Israeliten haben göttliche Gesetzgebung, Gesetze, Gebote, Befehle, Lebensregeln, Unterricht vom Willen Gottes, wie sie sich zu verhalten haben, um zur zeitlichen und ewigen Glückseligkeit zu gelangen; 1 Mendelssohn, Betrachtungen über Bonnets Palingenesie. Gesammelte Schriften, herausgegeb. von G. B. Mendelssohn III, 164. Monatsschrift, 70. Jahrgang. 15