Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 7
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 453 (sequence 3)
- Language
- German
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453 das Verständnis. Sehr verdienstlich, wenn auch ergänzungsbedürftig, ist das alphabetische Verzeichnis am Schluß, nur daß auch hier Schreibungen wie Lun eile und nikomachäische Ethik auf die Mängel der Bildung des Verfassers ein etwas peinliches Licht werfen. Heinemann. G. I. Barnes O sostaviteljach ,,Povesti vremennych let“ i eja istocnikach, preimuscestvenno evrejskich (russ., ,,Von den Verfassern der altrussischen Chronik und ihren Quellen, besonders den hebräischen“). Berlin, 1924. Das vorliegende Buch ist ein Denkmal, welches die Pietät der Kinder, dem Wunsche des verstorbenen Vaters Rechnung tragend, errichtet hat, also eine posthume Veröffentlichung eines allerdings abgeschlossenen Manuscriptes (,,izdanie posmertnoe“). Es bedeutet, wie die Vorrede der Herausgeber erklärt, einen Schwanengesang: der im März 1922 im ehrwürdigen Alter von 87 Jahren heimgegangene Verfasser hat das selbst, vorahnend, gefühlt. In beiden Momenten liegt etwas Rührendes: in der pietätvollen Edition durch die Kinder, wie in der unermüdlichen Geistesarbeit des Greises, der bis zuletzt seinem wissenschaftlichen Gedankengange, nachdem er ihn erst einmal zur Hypothese ausgebaut hatte, treu blieb. Freilich, die Fachwissenschaft kann die Grundgedanken dieses Hypo- Riesenbaues auch jetzt nicht, wie ebenso wenig früher, übernehmen. Alle ernsten Kritiker der Schriften des Verfassers haben das stets betont. Als Beleg dafür will ich nur auf zwei Gelehrte von anerkannter Geltung hinweisen. Der Hamburger Historiker Richard Salomon hat 1911 in der ״Byzanlinisclien Zeitschrift“ (Band 20, S. 522 ff.) die Barac’sche Schrift besprochen: ,,Kritisch-vergleichende Analyse der Verträge Rußlands mit Byzanz“ (russ., Kiev 1910). Diese, in der altrussischen sog. Nestorchronik unter den Jahren 907, 912, 945 und 971 im Wortlaut angeführten Verträge bieten sprachlich und inhaltlich größte Schwierigkeiten, ja werden z. T. in ihrer historischen Glaubwürdigkeit völlig angezweifelt. Wir haben also einen schwierigen Problemkomplex vor uns, den nun Barac, damals Rechtsanwalt in Kiev, sehr herzhaft anfaßte. Seine Anschauung und die daraus resultierende Methode kennzeichnet Salomon 1. c. S. 523 folgendermaßen: ,,Für die Unverständlichkeit der Urkunden glaubt B. nun eine ganz einfache, allgemein gültige Erklärung gefunden zu haben: Die Texte kranken alle hauptsächlich an unglaublich zahlreichen Wort- und Satzverschiebungen . . . Aber der Kran kheits zustand der Texte ist nicht unheilbar; B. hat die Panazee gefunden: aus jedem Satz müssen alle Worte und Phrasen entfernt werden, die fehlerhafterweise von den Abschriften eingefügt sind, und müssen an die Stelle gebracht werden, wo sie stehen sollen und früher unzweifelhaft gestanden haben«.— Es ist wohl klar, daß eine solche Methode jeden Text meistern kann. Eine andere Frage ist nur, woher gerade Barac die fröhliche Gewißheit nahm, daß die in dieser wie in allen andern Schriften von ihm auf die gleiche Weise zurecht gestutzten alten russischen Texte dann die einzelnen Wörter und Sätze nun auch wirklich an ihrer ursprünglichen Stelle nach seinen Um- Stellungen aufwiesen. Der zweite Kritiker, der bekannte, nunmehr schon verstorbene einstige Wiener Slavist Jagic, hat die Mängel dieser etwas eigenartigen Konjekturalkritik im ,,Archiv f. slav. Philologie“ XXXIII (1912) S. 580 ff. ebenfalls stark unterstrichen und ihre Unmöglichkeit betont. Aber nicht blos die frische Kühnheit dieser Textreformen kennzeichnet alle Schriften, die von Barac über die altrussische Chronik ausgingen, sondern viel typischer noch ist seine Ansicht, daß das altrussische Schrifttum, besonders eben auch die russische sog. Nestorchronik von der hebräischen Literatur aufs intensivste beeinflußt sei. .Wenn Barac damit die Einflechtung von biblischen Reminiszenzen meinte, würde er der unbedingten Zustimmung aller sicher sein, denn auch das altrussische Schrifttum ging, wie überall, von der Geistlichkeit aus. Aber Barac will geradezu sogar für bedeutsame historische Einzelzüge und Ereignisse analoge Dar- Stellungen aus der Bibel und der späteren hebräischen Literatur als Prototyp nehmen, so daß durch sie zugleich die historische Zuverläßigkeit der altrussisehen Annalistik beeinflußt worden wäre. Denn diese Vorbilder hätten nicht nur stilistisch und nach ihren literarischen Motiven auf den russischen Chronisten gewirkt, sondern unter ihrem Einfluß wären wichtige Situationen direkt geschaffen worden. Nun soll hier nicht geleugnet werden, daß, wie die antike,