Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Seele als Vogel
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 168 (sequence 19)
- Language
- German
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168 herrschend war, mit denen die Juden in Berührung kamen, unmöglich zu entscheiden, wer von diesen Völkern der Geber war. Vielleicht auch war diese Vorstellung bei den Juden ursprünglich. Daß sie der Bibel fremd ist, würde nichts dagegen beweisen, da im rabbinischen Schrifttum uralte Anschauungen, Vorstellungen und Einrichtungen enthalten sind, die die Bibel nicht kennt (z. B. das Wallfahrtsfest Chanukkah und andere Volksfeste. Vergl. Aptowitzer, Kain und Abel, SS. 30—37, 139—142). Vielleicht darf hier überhaupt nicht von einer Entlehnung gesprochen werden. Die verschiedenen Völker konnten auf Grund derselben Beobachtung und psychologischen Erwägung unabhängig voneinander zu derselben Vorstellung gelangen: Im Tode ist der Körper unbeweglich, folglich war während des Lebens in ihm ein Bewegendes, die Seele. Ein Bewegendes aber kann einzig und allein ein Lebewesen sein, folglich ist die Seele ein Lebewesen. Aber derselbe Mensch, der noch vor einem Augenblick so viele und mannigfaltige Bewegungen ausführte, wird beim plötzlichen Tod auf einmal regungslos; das Bewegende in ihm selbst muß daher von rascher Beweglichkeit sein, also ein geflügeltes Lebewesen — ein Vogel. Daher entfliegt die Seele. Aus solchen Beobachtungen und Betrachtungen entstehen Volks Vorstellungen. Anders aber Ausschmückungen und Bilder, die auf diesen Vorstellungen beruhen. In unserem Falle z. B. das Bild vom Wachsen und Brechen der Flügel und Beflügelung der Triebe. Hier haben wir es nicht mit einer jedermann zugänglichen Beobachtung zu tun, sondern mit philosophischer und poetischer Reflexion, bei der ein unabhängiges Auftauchen bei verschiedenen Völkern nicht wahrscheinlich ist — wenn auch nicht unmöglich. Herr Dr. Heinemann meint weiter: ״. . . . daß dort (bei Plato) die Seele ebensowenig für einen Vogel gehalten wird wie die Sonne im 19. Psalm für einen Helden. Er gibt einen Vergleich, auf den jeder kommen konnte, auch ohne die mystische Vorstellung zu kennen. Wenn sich nun ähnliche Vergleiche im Midrasch finden, so dürften wir nur dann an einen Einfluß Platons glauben, wenn nachgewiesen wäre, daß nicht nur, wie längst bekannt, manche Vor- Stellungen dieses Denkers durch gnostische Vermittlung, sondern auch manche Schriften unmittelbar auf das Judentum gewirkt haben/' ׳ Dazu bemerke ich: 1. Daß der Seelenvogel bei Plato bloß Bild und Vergleich ist, ist keineswegs eine res judicata. Viele Forscher halten diese Vorstellung für etwas Reales. Vgl. Stenzei a. a. O. 2. Daß in der Tat palästinensische Gelehrte in vielen Fällen direkt unter hellenischem (nicht hellenistischem) Einfluß stehen, habe ich an anderer Stelle gezeigt. Vgl. meine Abhandlung in J QR, XV/x. Nachbemerkung. Da Herr Prof. Aptowitzer auf unseren Schriftwechsel Bezug genommen hat, möchte ich den Streitpunkt kurz klarstellen. Ich glaube nicht, daß Midraschlehrer das erhebliche Maß fachphilosophischer N e i g u n g und Schulung besessen haben, das zum Studium eines so schwierigen Dialogs wie des Phaidros ge-