Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Religion und Staat im nachexilischen Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 131 (sequence 3)
- Language
- German
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131 aber ein Bad der Wiedergeburt geworden ist. Wenn Griechen oder Phönikier Kolonien gründeten, so waren es freiwillige Ansiedelungen in einem Lande und Volke niederer Kultur, und diese Ansiedelungen waren eine Erweiterung der Heimat. Trotz mancher Veränderung blieb das Wesentliche des griechischen oder phönikischen Lebens das gleiche wie in der Heimat, ja bisweilen wurde es in der Kolonie noch reiner und klarer herausgearbeitet. Das von den Assyrern inaugurierte, von den Babyloniern fortgesetzte System der Deportation unterworfener Völker war deshalb so grausam, aber auch so wirksam, weil es durch die zwangsweise Loslösung von der Heimat und deren Gegebenheiten, durch die Zerstörung oder Uebergabe der Heimat an andere Völker, durch die zwangsweise Ansiedelung relativ kleiner Volksteile in einer Bevölkerung mit anderer, aber keineswegs niederer Kultur den deportierten Völkern das Rückgrat bracE Nahmen sie auch ihre Götter mit, so mußten sie sich nach der antiken Anschauung auch an die Gottheiten des besiedelten Landes wenden — ein klassisches Beispiel sind die Samaritaner — die heimischen Götter wurden denen der neuen Heimat angeglichen. Bei der überaus engen Verbindung von Volk und Religion mußte das, da der Staat fehlte, allmählich zur Auflösung der Geschlechter- und Stammes Verfassung, zur Verschmelzung mit der alteingesessenen Bevölkerung und schließlieh zu gänzlichem Aufgehen in ihr führen. Die in das Zweistromland deportierten Bewohner des Reiches Juda sind diesem Schicksal nicht verfallen. Der Grund hierfür ist weniger die kurze Dauer des Exils als vielmehr die geistige und seelische Umstellung, die Frucht des prophetischen Wirkens. Das Judentum der nachexilischen Zeit ist von dem alten Israel nicht in einzelnen Zügen und nicht graduell, sondern wesenhaft verschieden. Das Romanentum ist aus dem alten Römertum durch Rassenmischung, der Hellenismus aus dem Griechentum durch Kulturmischung entstanden. Auch das Judentum hat fremde Elemente in sich aufgenommen. Aber das Entscheidende ist, daß die äußeren Bedingungen eine geistige und seelische Ein- und Umstellung ausgelöst und zur Reife gebracht haben, die den Charakter der Gemeinschaft von Grund aus umgewandelt hat. Der Staat war vernichtet, die Religion bestand weiter. Freilich betrachtete man das als einen Interimszustand. Aber schon die Möglichkeit dieses Interimszustandes mußte umgestaltend auf die Anschauungen der Menschen wirken. In scheinbarem Widerspruch mit der gegen den Staat gerichteten Haltung der früheren Propheten— ja Ezechiel sogar in scheinbarem Widerspruch mit seiner eigenen früheren Haltung — verkündeten die exilischen Propheten die Wiederaufrichtung von Tempel und Gemeinwesen. Aber Ezechiels künftiges Gemeinwesen ist etwas von Grund auf anderes als der vorexilische Staat, und Deuterojesaja gibt der neuen Gemeinschaft religiösethischen Inhalt und solche Aufgabe. Da kam die Heimkehr und unterbrach den kaum begonnenen Umwandlungsprozeß, ihn dennoch zugleich weiter führend. Es war wie ein Traum. An der Spitze der Sproß Davids, ihm zur Seite der Hohepriester: Königtum und Tempel schienen gemeinsam wiedererstanden, wie sie vorher gemeinsam bestanden hatten und gemeinsam 9*