Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Alchemie und Kabbala
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 110 (sequence 16)
- Language
- German
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110 anderes als: ,,Bruderschaft vom Samen des Morgenlichtes“. Der Same oder die Aussaat des Morgenlichtes — wohl mit Beziehung auf Ps 97n — ist aber kein kabbalistisches Symbol, niemals findet sich Morgenlicht als mystischer Terminus. Vielmehr ist offenbar das christliche Symbol der inneren Erweckung — das Morgenlicht ist der mystische Christus — ins Hebräische übertragen worden, um so eine Art Kontinuität zur Kabbala hin zu schaffen. Zu den Werken, deren Begriff von Kabbala aufs Entschiedenste von diesen beiden, im Vorangehenden dargelegten, Elementen bestimmt wird, gehört auch das durch Goethe berühmt gewordene Opus mago-cabbalisticum et Theosophicum des Georg von Welling, eines ausgesprochenen Mystikers alchemistischer Richtung1. Es hat mit jüdischer Kabbala auch nicht das mindeste zu tun, und Goethe hat aus diesem Buche, ohne von jüdischem ,,Einfluß“ dabei berührt zu werden, jenen entleerten und unbestimmten Begriff des ,,Kabbalistischen“ entnommen und in seinem Sprachgebrauch weitergegeben, dessen Werden hier dargelegt worden ist. Kopp irrt, wenn er über Welling schreibt: ,,Doch scheint diese [jüdische] Kabbala ihm im Allgemeinen als Vorbild für seine einschlägigen Betrachtungen gedient zu haben“. Nichts vom Inhalt des Buches mit seiner ebenso stark naturmagischen wie alchemistischen Materialr fülle geht auf irgendwo existierende Vorbilder aus der jüdischen Mystik zurück, und die Deutung von שמים Himmel als Aesch-Majim ״die feurigen Wasser“, die bei ihm und anderen Autoren eine große Rolle spielt, gehört nicht in die Kabbala, sondern in die talmudische Kosmologie, aus der sie schon von einer Unzahl von christlichen Autoren vor Welling übernommen worden ist. Wie wenig dieses Buch eine Quelle für Kenntnis jüdischer Kabbalistik sein konnte, zeigt schlagend folgender, auch von Kopp II, p. 245 zitierter Passus p. 208: ,,Weil wir alle ihre [der Juden] Geheimnisse und wunderbare Eintheilungen mit der Wahrheit der heiligen Schrift niemalen zusammen reimen können, in der That auch keinen Grund haben, weilen sie die Offenbahrung Göttlicher Majestät nicht anerkennen: als haben wir uns derselben auch gar nicht bedienen wollen. Ihre Cabbala ist also beschaffen, daß man, weiß nicht was, daraus erzwingen könnte; wer aber das Neue Testament mit dem Alten in allen Stücken wohl zu vereinigen weiß, derselbe hat die rechte Cabbalam vollkommen erlernet2. . . Die jüdische Cabbala ist nichts als ein Mißbrauch Göttlicher Namen, fast in allen Stücken“. Mit dieser ״rechten Cabbala“ braucht sich die Kabbalaforschung freilich nicht mehr abzugeben, ebensowenig wie mit jener Entwicklung der Kabbala in ihrem — wie Kopp II, p. 237 sagt — ״recht lumpigen Dasein“ als Lotteriespiel, das sie sich seit dem 18. Jahrhundert in österreichischen und italienischen Landen errungen hat. 1 Ueber das, zuerst 1135 erschienene, Buch handelt ausführlich Kopp II, p. 289—46. Cf. Dichtung und Wahrheit, II. Teil, 8. Buch gegen Ende. 2 Die Sperrung ist von mir.