Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Taufbewegung unter den polnischen Juden im XVIII. Jahrhundert
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 226 (sequence 2)
- Language
- German
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226 Um auf diese Frage antworten zu können, müssen wir in kurzen Strichen die allgemeine Lage der damaligen Judenheit kennen lernen. Der Jude des XVIII. Jahrhunderts unterscheidet sich sehr wesentlieh von dem des XVII. Jahrhunderts. Seine ökonomische und kulturelle Lage ist seit den Kosakenkriegen, die beinahe seine ganze Existenz so gut wie vernichtet hatten, unverändert. In wirtschaftlicher Hinsicht ist die Lage der Juden zumeist schlecht, da sie nicht mehr jene festen Positionen im Wirtschaftsleben, die sie früher inne hatten, einnehmen1. Während sie früher den ganzen Großhandel in ihren Händen konzentrierten, waren sie im Laufe des XVII. und XVIII. Jahrhunderts gezwungen, sich mit dem Kleinhandel und der Krämerei zu beschäftigen2. Die Lebensbedingungen, unter denen die Juden damals in Polen lebten, wurden durch die äußeren Umstände noch mehr erschwert. Darunter litt auch ihre kulturelle Lage, die keinesfalls auf so hohem Niveau stand, wie es im XVI. Jahrhundert der Falk gewesen ist. Einer der wichtigsten Umstände, der die Lebensbedingungen der Juden erschwerte, ist in den Verhältnissen der polnischen Gesellschaft zu den Juden zu suchen. Im XVIII. Jahrhundert ist der Haß gegen die Juden bedeutend stärker. Vom Adel bis zu den niedrigsten Volksschichten wird der Jude gehaßt und verfolgt. Verschwunden ist jene weitherzige Duldsamkeit, der sich die Juden im XVI. Jahrhundert, teilweise auch im XVII. Jahrhundert erfreuten. An ihre Stelle trat jetzt eine Intoleranz' im vollsten Sinne dieses Wortes ein> die sich nicht bloß auf Haß und Verfolgung beschränkte, sondern auch allzuoft einen antisemitischen Charakter annahm. Kein Zeitalter weist so viele Ritualmordbeschuldigungen und -prozesse auf, wie das XVIII. Jahrhundert. Trotz der ans dem Westen Europas eindringenden Aufklärungstendenzen, beherrschen die Vorurteile gegen die Juden große Teile der damaligen vorherrsehenden Gesellschaftsklassen. Prügeleien, Steinwerfen und dergleichen Quälereien von Juden, speziell durch Schüler, sind stets auf der Tagesordnung. Noch im Jahre 1783 — wo die französische Aufklärungsbewegung in einem Großteil des Adels und Bürgertums dominierend war — klagt der bekannte Publizist Switko wski . über diese Judenquälereien, die er als schreckliche Bilder bezeichnet, , wobei ״Schüler (zaki) und selbst Erwachsene haufenweise Juden nach jagen und mit Stöcken prügeln. . . . Wie können wir dieses wilde Ueberbleibsel alter Sitten zur Schande unseres Zeitalters undVolkes ' dulden“3? Die Intoleranz ist das wesentliche Stigma der damaligen polnisch-jüdischen Beziehungen. Einen Großteil der damaligen polnischen Gesellschaft beherrschte die Tendenz: die Juden zu vertreiben oder sie zu Christen zu bekehren. In keinem Zeitalter hören ־wir von einem solchen starken Bekehrungseifer seitens der Polen, wie im XVIII. Jahrhundert. * Nicht nur die Geistlichkeit, sondern Tauch der königliche Hof, hohe Beamten und Damen ans der Aristo- 1 Siehe darüber J. Schippers polnisches Werk: Studya nad stosunka-!mi gospodarczemi w Polsce podezas iredniowiecza. 2 Siehe darüber meinen Artikel: המצב ,הכלכלי של יהודי פולין לפני הסים הגדיל ln Snunith 1912 Hi 3/4. 3Barm^tnik polityczny i historyczny Jg. 1783 .1,'S. 3.