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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1924-01-01 · Heft 3 · p. 185

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
68 (1924)
Issue
Heft 3
Article
Moritz Lazarus
Date
1924-01-01
Page
185 (sequence 1)
Language
German
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Moritz Lazarus1 Zum 100. Geburtstag. Von Al b e r t Lewkowi t z in Breslau. Die Begründung einer wissenschaftlichen Disziplin, die Entdeckung einer bisher nicht bekannten Provinz auf dem glofeus intellectualds ist noch viel weniger ein Zufall, als die Entdeckung von Tatsachen der Natur. So ist auch Lazarus, dessen 100. Geburtstag am 15. September begangen wurde, nicht von ungefähr der Begründer der Völkerpsychologie geworden. Wie schon der Name erkennen läßt, handelt es sich um die Anwendung der Psychologie auf die Erkenntnis des Völkerlebens, um eine Reform der Geschichtswissenschaft durch die Psychologie. Das setzt weitreichende Zusammenhänge in der Geschichte der modernen Wissenschaft voraus. ׳ Als in der Begründung der modernen Naturwissenschaft die Kraft des mathematischen Denkens die Gesetze der Natur als mathematische Beziehungen zwischen den Elementen der Körperweit erfaßte, da stürzte auch das dogmatisch-metaphysische Weltbild der mittelalterlichen Geschichtsanschauung zusammen. Der Mensch erfaßte sich als rationales Wesen, das in seiner Vernunft seine Selbstgewißheit besaß, und betrachtete die Geschichte als den Schauplatz menschlicher Irrtümer und Leidenschaften, die durch die ewig gleiche Vernunft zu bändigen und zu Gesittung und Aufklärung zu erheben waren. Gegen diese : Verständigkeit und wohlmeinende Rechtlichkeit, die sich zum Maßstab aller menschlichen Dinge machte, erhob sich aber in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Sturm und Drang der -Gefühlsmachte, die Tiefe künstlerisch-religiösen Gefühls. Herders genialer Blick umfaßte die Fülle geschiehtliehen Lebens in dem Reichtum individueller Gestalten und sah in den Individualitäten nicht zufällige Abweichungen von der ewig gleichen Norm des Menschentums, sondern die schöpferischen Mächte der geschichtlichen. Welt. In den Volksindividualitäten wie in den geschichtlichen Persönlichkeiten innerhalb der Völkerkreise sah er die Boten und Offenbarer der Leben schaffenden Gottheit. Der seltene Reichtum schöpferischer Persönlichkeiten in dem Zeitalter der Klassik bestätigte diese Ahnung von der Genialität als dem Quell schaffenden Lebens. So sah man die lebendige Natur als den Mutterboden aller Genialität, als stillunbewußte Entfaltung immer höher dringender und reiner sich enthüllender geistiger Kräfte. Kant, Fichte und insbesondere Goethe und Sehe lling schufen das Bild der Natur als der geistentstammten und zur Freiheit des Geistes sich emporhebenden und verklärenden Wirklichkeit. 1 Der Aufsatz erschien gleichzeitig in der Lazarus-Festschrift des C. V. deutscher Staatsbürger jüd. Glaubens. Monatsschrift, 68. Jahrgang. 13

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