Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 177 (sequence 2)
- Language
- German
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177 jüdischer Gelehrter zu Hilfe genommen hat, ist dem Buche natürlich zum Nutzen geworden. So manchmal hätte man in den Übersetzungen bezw. Paraphrasen gern Hinweise auf die Quellen der exegetischen Bemerkungen gefunden, wie sie z. B. Grünbaum und Perles in ihren Arbeiten ausführlich bringen. Auch ist mancher Irrtum unserm Verfasser in seinen erläuternden Bemerkungen unterlaufen, so wenn er in der Vorrede eines allzu bescheidenen Autors, der von sich sagt: ,,aber ich weiß kaum, wie man macht hamauze“ dieses Wort im Sinne von: den Stoff zu einem Buche finden erklärt, während es natürlich nichts weiter als ein Hinweis auf den Segensspruch über Brot ist- Doch das sind-kleine Ausstellungen, die der Bedeutung des ganzen Werkes keinen Abtrag tun sollen. Wir hoffen, daß recht bald die Zeit kommen möge, wo Staerk in Verbindung mit Leitzmann auch das groß angelegte Werk, in der sie die gesamte jüdisch-deutsche Literatur bis auf die Gegenwart behandeln, der Oeffentlichkeit wird übergeben können. Berlin. S. Gans. S. Dubnow, Die neuste Geschichte des jüdischen Volkes, 3. Band. Berlin, Jüdischer Verlag, VI 586 S., geh. 4.— Mark. Der dritte Bänd von Dubnows ,,Neuester Geschichte des jüdischen Volkes“, die den Zeitraum von 1881—1914 umspannt, ist der erste Versuch einer zusammenhängenden, modernen jüdischen Geschichte überhaupt. Auf einer ungemein fleißigen Quellensammlung fußend beschreibt sie in der einfachen, Idaren, schönen Weise und in der streng architektonischen Korn- Position, die schon die früheren Bände auszeichnet, die Lage der Juden in Deutschland, Oesterreich, Ungarn und den übrigen europäischen Staaten wie in Palästina und Amerika. Sie orientiert uns zum ersten Male genauer über die jüdischen Parteiungen und Organisationen unserer Tage, über die jüdische Presse, die wissenschaftlichen und religiösen Anstalten, über die moderne jiddische und hebräische Literatur und die gesamte Wissenschaft des Judentums, über den Zionismus, den Autonomismus, vor allem die Emigrationen nach Amerika, Kanada, Argentinien und Südafrika. Aber noch schmerzlicher als früher, weil die Probleme für uns brennender geworden sind, vermißt man die engere organische Verknüpfung des. Juden- Problems mit den politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Erscheinungen um die Jahrhundertwende. Statt der ausführlichen Schilderungen der Pogrome, der breiten Wiedergabe antisemitischer Bücher und Flugschriften und der chauvinistischen Reden völkischer Abgeordneter vernähme man viel lieber eine sachliche Begründung eben dieses Antisemitismus, denn man kann ihn doch sicherlich nicht leichthin ableiten aus dem ,,Triumph der brutalen Gewalt“, aus dem ״KuLtus“ des Militarismus, Imperialismus und Nationalismus oder gar aus der ״Abneigung des Junkertums gegen Menschen, deren Ahnen keine Heldentaten auf dem Gebiete des Faustrechtes aufzuweisen hatten.“ , . Es wäre gerade reizvoll gewesen, einmal zu untersuchen, wie der religiöse Antisemitismus des Mittelalters und der wirtschaftliche der neueren Zeit sich in den politischen, wissenschaftlichen, ökonomischen und Rassen an tisemitismus der Moderne umgewandelt hat. Es wäre reizvoll gewesen, nachzuweisen, aus welcher Ursache er in jedem Staate und unter jedem Volke Gestalt und Wesen ändert, warum z. B. die Dreyfuß-Affaire in Frankreich aus ganz anderen historischen Motiven heraus erwuchs als die Eszlar-Affaire in Ungarn. Denn anders wird sich eine konstitutionelle Monarchie oder eine demokratische Republik zur Judenfrage verhalten als ein absolutistischer Staat, anders eine bäuerliche als eine bürgerliche oder proletarische Gesellschaft, anders eine kapitalistische als eine sozialistische Wirtschaftsform. Man fragt weiter vergeblich nach der Rolle, die die Juden im modernen Wirtschäftsieben und in der Politik spielen, ob und inwieweit sie die Börse, das Finanzwesen, die Theater und die Presse ihrer Wirtsvölker beeinflussen, welche Zweige der Industrie und des Handels sie bevorzugen und derartiges mehr. Oder um nur eine der vielen psychologischen Fragen aufzurollen! Wie vollzog sich z. B. die Umwandlung des ״rechtlosen Untertans der russischen Monatsschrift, 68. Jahrgang. 12