Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Archäologische Notizen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 187 (sequence 2)
- Language
- German
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:.;187;• das, was ich in Meyers Konvers.-Lexikon, 6, Aufl., Bd. 14, Sp. 372 finde: ,,Die Nadeln sind uralt, und den zuerst verwendeten Dornen und Fischgräten . . . nachgebildet". Diese Angabe besteht gewiß zu Recht und duldet keine Anfechtung. Nun gibt es aber auch bei höher entwickelter Kultur Lagen und Velleitäten, in denen man zur alten, zur primitiven Methode zurückgreift, genau so wie wir zur Kerze greifen, wenn uns das elektrische Licht versagt. Zippora beschnitt ihren Sohn mit einem scharfen Stein (Exod 423׳ S. Komm., unter anderem auch S. D. Luzzatto z. St.), und derselbe Brauch wurde noch zur Zeit Josuas geübt (Jos 52). In heiligen und religiösen Dingen ist man konservativ, und ich habe z. B. gefunden, daß man im Tempel zu Jerusalem mit Vorliebe Steingeräte verwandte. Dazu rechne ich auch den in der Mischna (Karetoth 37,15b) berichteten Vorgang, daß der Arzt am Vorabend des Pessach die Aussätzigen in Jerusalem auf die Weise von ihren Fleischfetzen befreite, daß er zwar dieselben regelrecht abschnitt, aber ein Minimum, das noch haften gelassen wurde, steckte der Patient in einen Dorn (&םיר, Raschi: an einen Dorn — קוץ — der in der Erde oder an der Mauer steckte), riß sich dann los und so fiel ihm der Fleischfetzen gänzlich herunter. — An der Tatsächlichkeit dieses Vorganges läßt sich nicht zweifeln, und so finden wir den Dom in einer Verwendung, die derjenigen, die wir beim Kennzeichnen des Ohrlappens des hebräischen Sklaven finden werden, ähnlich ist. In drei Dingen — so lautet ein bekannter Satz der Schule R. Ismaels1 — stößt die Halakha das Thoragesetz um: in Bezug auf ספר (Deut 24s), in Bezug auf עפר (Lev 1713) und in Bezug auf מרצע (Exod 216): Die Thora sagte: durch eine Pfrieme; die Halakha aber sagte: auch mit einer Gräte, mit einem Dorn (קוץ) oder Glassplitter (זכוכית). Wenn man nicht annehmen will, daß die Halakhisten bloß spintisieren und uns mit Merkwürdigkeiten traktieren wollen, muß man zugeben, daß man nur darum über den schlichten Wortlaut der Thora hinausging, weil man als Stichwerkzeug tatsächlich außer dem Pfriemen auch die Gräte, den Dorn und den Glassplitter kannte, die im Hause stets vorhanden wären (wie auch Baba K. III, 2 zeigt). Man muß auch tatsächlich mit Dorn und Glas den Ohrlappen des hebr. Sklaven durchbohrt haben, wie die Zusammenstellung mit ״Scheidebrief" und ״Asche" beweist, bei denen man doch gewiß vom realen Leben ausging. Nun war aber die Pfrieme (oder: der Pfriemen) im Haushalte nicht zum Durchstechen des Ohrlappens des hebr. Sklaven da — das war doch schließlich nur ein außerordentliches Ereignis —• sondern hauptsächlich und in erster Reihe zum Nähen des Lederzeugs; also muß ich annehmen, daß Gräte, Dom und Glassplitter, die ständig und in mehreren rabbinischen Quellen neben מרצע erwähnt werden, auch nur demselben Zweck dienten; d. i. der Schuster gebraucht sie, zur Not, zum Nähen. Dies, und nicht mehr, hatte ich in meiner Talm. Arch. behauptet, 3. daselbst 1, 619־ die Note 668: ״Folgt aus dem Nebeneinander der genannten Dinge mit מרצע in Bezug der 1 Vgl. Bacher, Ag. d. Tannaiten, 2. Aufl., I, 243; zum Terminus הלכה יעדקבת םקרא s. daselbst und in Bacher, Die älteste Terminologie 1,144. Ich habe hier den Text in j. Kidd. I, 2, 59d zu Grunde gelegt. 13*