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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1923-01-01 · Heft 5 · p. Seite 167

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
67 (1923)
Issue
Heft 5
Article
Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
Date
1923-01-01
Page
Seite 167 (sequence 15)
Language
German
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167 ־ : ■ in besonderer Weise zu Gottes Dienste erkoren zu sein, war es sich klar und hell bewußt, ein besonderes, nicht zu verwischendes Selbst zu haben. Ob es darum Volk oder nicht Volk heißen darf, ist eine Frage der Terminologie. Jedenfalls ist es unmöglich, den Begriff Volk hier in einem anderen Sinne zu verstehen, als in dem einer Gruppe von Menschen, die durch gleiche Abstammung und vielfältig ähnliches Schicksal sich objektiv verbunden wissen, deren geistiges Selbst aber am nachdrücklichsten und tiefsten durch die charakteristische Beziehung zum Göttlichen bestimmt ist. Ein schwerer Irrtum aber liegt in der von ,,nationaler“ Seite bekundeten Auffassung vom Wesen des Religiösen, wenn ihm kein anderer Sinn verstattet sein soll als ethnischem Brauch überhaupt, als den stammesmäßig sich begrenzenden Gepflogenheiten von Umgangsformen und Kleidertracht, von nationalen Getränken und Liebhabereien. Dieser degradierenden Beurteilung aber macht sich die nationalistische Auffassung schuldig, wenn sie verkennt, daß gerade das Judentum es gewesen, welches die Ueberwerti gkeit des Religiösen zuerst erlebt, den Monotheismus des Göttlichen in leidenschaftlicher Kraft sich selbst und der Welt vorgehalten, die alles überragende, innere Bedeutsamkeit dieser Geisteshaltung wohl aus seiner Seele herausgeboren, aber die absolute Würde und objektive Gültigkeit dieses höchsten Seins über alle Naturgegebenheit gestellt hat. Die Nivellierung der Religion, ihre Einordnung in die nationale Sitte, vernichtet die gerade von dem Judentum gestellte und auch erfüllte Forderung, daß man zu ihrer Bedeutsamkeit in das Verhältnis einer Ueberzeugung, einer inneren gewissensmäßigen Aneignung gelangen könne. Solche Ueberzeugung oder innere Aneignung setzt aber nicht voraus, daß ihr Ziel, der Kern der Religion, als eine Weltanschauung zu begreifen ist, die immer nach dem Wahrheitsbegriff der Wissenschaft zu messen wäre. Wir haben uns klargemacht, daß der Quellpunkt des frommen Bewußtseins überhaupt als das Erlebnis der göttliehen Offenbarung unbeschreibbar ist, daß unter diesem Gesichtspunkte die Mystik als diejenige Gemütshaltung, die mit den Bedingungen des Lebens und der Erkenntnis der uns umringenden empirischen Natur kein Kompromiß schließt, den vollendeten Typus reiner Religiosität bedeutet•. (Fortsetzung folgt.) Die ״Reliquien“ des Salomo Molcho. Von Prof. Dr. Ing. Alfred Grotte in Breslau. Die ungewöhnliche Bedeutung der etwa 1000jährigen Prager jüdischen Gemeinde liegt nicht allein in ihrer dominierenden Stellung als ,,Mutter Israels“ in den Zeiten des Mittelalters, also nicht nur auf geistigem Gebiet. Sie überragt kulturhistorisch und vornehmlieh auch durch den Einfluß, den einzelne Mitglieder dieser Gemeinde auf die Welt geschichte übten, alle übrigen Judensiedelungen des Mittelalters. — Nimmt sonach Prag eine Sonderstellung innerhalb dieser ein, die schon allein dadurch äußerlich zum Ausdruck kommt, daß ihr durch kaiserliche Huld Fahne und Wappen verliehen und

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