Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 322 (sequence 2)
- Language
- German
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322 jüdischer Friedhofs- und Gräberkunst gegeben. Diese Arbeit ist überaus dankenswert und wird als wertvolle Grundlage für zukünftige Arbeiten auf diesem über die ersten Anfänge kaum hinausgekommenen Gebiete verwertbar sein. Bei cer Zersplitterung des bisher auch von anderer Seite‘erforschten Materiales in technischen und jüdischen Zeitschriften kann es nicht verwundern, wenn der Verfasser in seinen Hypothesen und konkreten Angaben manches bereits bekannte unbeachtet läßt und so stellenweise zum Widerspruch herausfordert. ' Am auffallendsten erscheint, daß der Verfasser die weltbekannte Sarkophagform des Prager Friedhofes nicht würdigt und in dem Bisenstädter Stein (Nr. 89) und den formal verwandten des Wiener Friedhofes scheinbar die einzigen Vertreter dieses hochbeachtlichen Typus vermutet. Man könnte vielleicht annehmen, daß die von Wolff angegebenen, eine verkümmerte Form der Prager Sarkophage darstellenden Steine auf Prager Juden zurückzuführen sind, die im Exil gerne auf das heimische Vorbild zurückgreifen (Friedhof Remo in Krakau). Der Sarkophag ist übrigens auch in Lissa und Breslau vertreten. Auch die Angaben über Symbole (S. XXXI) ließen sich unschwer ergänzen 1. W. unterzieht des weiteren 70 vortrefflich klar in Abbildungen dargestellte Grabsteine einer kunsthistorischen Kritik, die . mit großem Fleiße und viel Mühe eine stilistische Einordnung anstrebt. Indessen ist diese vom Standpunkte de§ zünftigen Architekten nicht überall als einwandfrei anzusehen. So z. B. ist bei Nr. 81 das Kapital nicht als ,,toskanisch“ anzusprechen, sondern eher auf ein romanisches Würfelkapital zurückzuführen. Nr. 45 würde eher nach Gruppe V gehören, dagegen Abbildung 10 nach Gruppe IV. Auch die Zuweisung einzelner Stücke nach ihrem Stilgepräge erscheint nicht immer zweifelsfrei: Nr. 111 und 239 möchte man nicht dem Rokoko, sondern vielmehr •dem Barock einordnen; dasselbe zeigen die Abbildungen 11 bis 13, wie denn überhaupt die stilistische Feststellung des Rokoko auch sonst Unklarheiten aüfweist. Das vom Verfasser öfter gebrauchte ״Rocaille“ müßte besser ,,Muschelwerk“ heißen. Ueberhaupt liegt die Bedeutung des Friedhofes mehr in seinen Steinen barocken Gepräges2. Auch ist, wie in anderen jüdischen Friedhöfen, dem Kenner deutlich wahrnehmbar, daß einzelne Steine wahre Kunstwerke darstellen, herrührend von Steinmetzen, die zweifelsohne vorher an jesuitisch-barocken Altären und sonstigen Architekturdetails meisterhaft geschult wurden 3 (s. Nr. 122, 126 und besonders 243). Die Dekadenz in Dekor und Technik bei anderen Steinen läßt vielfach den Schluß zu, daß hier wohl minder geschulte jüdische Steinmetzen, die Vorbilder plump nachahmend, tätig waren; die Inschriften waren ohnehin wohl ausschließlich ihnen überlassen. Es wäre ferner sehr wertvoll gewesen, dort, wo Form und Dekor eine auffallende Gleichheit aufweisen, auch die Schrift Zeichen zu vergleichen, um einen sicheren Schluß über die Urheberschaft des gleichen Meisters ziehen zu können. Dies scheint für Gruppe VI — mit Ausnahme von Nr. 81 —sowie' für Abbildung 5 und Nr. 1119 zuzutreffen. — Gerne hätte man auch von dem 1 Geknickte Blumen und Kerzen usw.; diese vielfach auf den Friedhöfen des Ostens; eine Arbeit hierüber habe ich in Vorbereitung. 2 Vgl. die prächtigen Rokokosteine in Grotte und Cohn: Friedhof in Krotoschin (Denkmalspflege, preuß. Minist. Ztschr., 1919, Nr. 8). 3 Ebenso Friedhof Breslau-Claassenstraße, dessen Denkmäler von mir zurzeit auf genommen und demnächst veröffentlicht werden.