Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Ein neues Dokument zur Geschichte der Judenvertreibung aus Schlesien im Jahre 1453
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 300 (sequence 2)
- Language
- German
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300 Fara, ein Biograph Capistranos, von zwei Verbrechen der Juden — der Hostienschändung und einem Knabenmorde — zu berichten weiß, während die übrigen Quellen nur von der Hostienschändung, Christoph von Varese, ein Ordensbruder und Reisebegleiter Capistranos, nur von der Tötung eines Christenknaben spricht. Die nachträgliche Verbindung der Beschuldigung von Hostienschändung und Knabenmord ist in der Geschichte der Judenverfolgungen kein Novum. Der Güte des Herrn Hofrates Prof. Wolkan in Wien verdanke ich die Kenntnis einer bisher unbeachtet gebliebenen Urkunde des 15. Jahrhunderts, welche sich in einer aus dem Kloster Mondsee stammenden Handschrift der Wiener Staatsbibliothek. Cod. 3520 fol. 232—234, befindet und die Geschichte beider angeblicher Missetaten ausführlicher berichtet als die übrigen Quellen. Auch durch die Person des Verfassers ist sie von besonderem Interesse, denn sie stellt einen Bericht des königlichen Sendboten Oswald Reicholf (bei Brann a. a. O. S. 126 fälschlich Reich genannt) an den Bürgermeister und Rat der Stadt Wien dar. König Ladislaus, von den Vorgängen in Breslau durch den Rat der Stadt in Kenntnis gesetzt, hatte am 23. Mai 1453 zwei Bevollmächtigte aus Wien nach Breslau entsandt, Sigmund Potenbrunner und Oswald Reicholf, denen er ״ganz Gewalt und Macht gegeben habe, mit denselben Juden und Jüdinnen, auch ihrem Leben und Gut nach solchen merklich und unchristlichen Handlung, nach [der Breslauer Rat und Gefallen zu tun und zu handeln, auch zu richten und strafen“. Diesen folgte am 26. Juni noch ein dritter Sendbote, Sigmund Vorschauer. Ganz neue Tatsachen bringt uns dieses Dokument, welches als erster Bericht nur die Beschuldigungen und nicht die weiteren Ereignisse erzählt, allerdings nicht; es ist jedoch, wie erwähnt, etwas ausführlieber in allen den Details, welche das Substrat der gegen die Juden erhobenen Anklagen bildeten. Ich lasse. nun den Bericht selbst mit einigen erklärenden' Anmerkungen folgen: (fol. 232a) ״Den ersamen, hochweysen herren, dem. burgermaister, richter und rat der stat zu Wien, meinen günstigen vnd besünderen lieben herren, Os waldt Reicholf x, ewr mitgesworner desrats, mein ,willig dinst wißt zu vor. Ersamen, weysen, lieben herren. Ich loss euch wissen, das wir erst auf den rechten grundt körnen sein, wie dy Juden das hochwürdigist sacrament gotsleichnams gesmächt und gelaidigt haben, als ich euch das nach 1 Oswald (II.) der Jüngere, Reicholf war Wiener Bürger, Ritter, Stadtrichter, Ratsherr, Grundbuchverwalter, Bürgermeister; vgl. Uhlirz in Quellen zur Geschichte der Stadt Wien, II. Abt., Bd. 2, 495.