Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1922-01-01 · Heft 3 · p. Seite 240

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
66 (1922)
Issue
Heft 3
Article
[Rezension]
Date
1922-01-01
Page
Seite 240 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2829132-2829909-2829913-2831477--44984-2831574
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

240 : nicht erklären, daß Jesus ,,einen besonderen .Kulturzweck׳ und KuRurwert der Arbeit nicht kennt" .(75.); Paulus denkt über die Arbeit wesentlich günstiger und ״gestattet dem Gedanken vom nahen Ende nicht den mindesten Einfluß auf die Stellung zur Arbeit" (106). Die Ausführungen über die nachapostolische und frühkatholische Zeit interessieren uns weniger; aus dem Hauptteil des schlicht und klar geschriebenen Büchleins wird der jüdische Theologe, den das Urchristentum interessiert, viel Nutzen ziehen. 1 Der Verfasser der 2. Schrift ist mir in letzter Zeit mehrfach begegnet. Er ist ebensowenig wie Hauck Fachmann in iudaicis, hält sich aber dafür und zeigt die bedenkliche Neigung, aus Mängeln seiner Kenntnisse auf das Fehlen gewisser Begriffe im Judentum zu schließen. So las ich jüngst im Theo!. Literaturblatt (1922, S. 261): ״Das Spätjudentum“ (will sagen: der Herr Professor) ״weiß vom heiligen Geist wenig zu sagen" (zur Sache vgl. S. 177!. dieses Heftes). Einen weiteren Schluß auf Leipoldts Belesenheit gestattet seine Bemerkung (bei Leisegang, Pneuma hagion, 137, 2), daß es ״im Hebräischen kein Wort für aber gibt (vgl. auch ״Jesus und die Frauen“ 62 oben); im Zusammenhang ist von der Zeit Jesu die Rede; L. weiß also nicht, was אבל in spätbiblischen Büchern gelegentlich, im mischnisch-talmudischen Schrifttum hunderte von Malen bedeutet (von schärferen Partikeln wie אך, אולם ganz abgesehen). Ich habe diese Aeußerungen heranziehen müssen, um dem Leser ein Urteil über folgenden Satz zu ermöglichen: ״Jesus nennt die Geheilte Tochter Abrahams; ich erinnere mich nicht, diesen Ehrennamen einer Frau im Talmud gefunden zu haben“ (S. 18). Daß L. die Stellen Keth. 72b, Gittin 89a nicht kennt (er hätte sie neben Belegen für übertragenen Gebrauch in M. Guttmanns בפתח התלבוד T 416 f. finden können), ist verzeihlich; unverantwortlieh ist, daß ein Laie hier und sonst so redet, als ob er sich an so ziemlich alles, was im Talmud steht, ״erinnern“ könne und durch argumenta ex silentio oder vielmehr ex ignorantia die Folgen seines Mangels an — Selbsteinschätzung auf das Judentum abwälzt. — Die Unkenntnis des Vf., durch nachträgliche Befragung I. Kahans nur z. T. ausgeglichen, erklärt manche der zahlreichen Einseitigkeiten; so, wenn er S. 19 meinte Jesus habe sich der Not der Frauen, insbesondere der Witwen, ״im Gegensatz 7.u seinen Zeitgenossen“ angenommen: er hat eben von dem Verdienst der Rabbinen um die rechtliche Sicherstellungder Witwe durch Eheverschreibung und Versorgungsanspruch keine Ahnung. Weit schlimmer ist aber, daß ihm seine Tendenz, das Judentum unbedingt als minderwertig erscheinen zu lassen, nicht einmal die Verwertung seiner recht bescheidenen Kenntnisse gestattet. So meint er S. 74, die Rabbinen hätten ״aus der Erlaubnis der Ehescheidung ein Gebot gemacht“ und findet diese ״Verschiebung für die Rabbinen bezeichnend“ — wiewohl er S. 71 mehrere rabbinische Stellen gegen die Scheidung anführt (darunter den schönen Ausspruch, daß.der Altar über die Verstoßung des Weibes der Jugend weint), und auch bei noch so dürftiger Mischnakenntnis wissen muß, daß es nach den Rabbinen zwar Vorschriften über die Scheidung gibt, die deren Zulässigkeit logisch voraussetzen (daher ivz-z'Xa-o Mtth. 197, das kein Jude mißverstehen konnte), aber kein Gebot der Scheidung. Gewiß nehmen die Rabbinen oft eine Erlaubnis oder eine Verheißung der Bibel als Gebot; nach Gen 123 ברו ורבו gilt , ihnen die Familiengründung nicht nur als ״das Gegebene“ (L. 41), sondern als göttliche Vorschrift; aber freilich: die angebliehe מצות גירושין״" schafft eine bessere Folie zum Urchristentum als die tatsächliche מצות פריה ורבייה.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.