Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Der heilige Weg
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 191 (sequence 2)
- Language
- German
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besät, einmal wird sie sich doch aufbäumen, einmal wird die Gesinnung, ihr letzter Kern, durchbrechen und darum ist die Nalur des Menschen gut. Der Erkorene, der leicht leitig Gute, der ohne Zwiespalt gerecht ist, frei von den Versuchungen er ist opferbereit, bewußt des tiefsten Elements der Gesinnung: der Pflicht. Dieses Menschen Leben ist das Leben des Opfers. Stets bereit, sich hinzugeben, wenn es die Forderung will, weiß er, daß seiner Gesinnung Urgrund die Freiwilligkeit im Bewußtsein der Pflicht zu handeln ist. Weiß er, daß diese Freiwilligkeit das Movens des Weltgeschehens ist, der uns erkennbare Ausdruck des göttlichen Willens, die Welt weiterrollen zu lassen im Laufe ihrer vorgeschriebenen Bahn. Der Gesinnungslose aber — nicht den Nichtguten meine ich — er fälscht den Willen der Schöpfung, denn er trägt ein Leben, das nicht aufgebaut ist auf Gesinnung, auf dem Verwirklichungswillen, der stündlich die Welt verwirklicht aus dem Geiste der sie geschaffen, er täuscht Gott, da er ein Leben lebt, das nicht ein Leben vor dem Absoluten ist, ein Leben vielmehr, das versucht, Kompromisse einzugehen in der Absicht, das Nützliche zu erlangen, das Angenehme, die Mehrwertshure des Lebens dieser Tage. >Den innersten Schauder aber erregt mir jener Andere, der Gott wisssentlich betrügt, den er kennt, und thefillinlegend von seinen Geschäftsaussichten spricht«, sagt Buber. Thefillinlegend, das ist das Zeichen des Gesinnungslosen, thefillinlegend, um sich den Rücken gegen Gott zu decken, falls das Geschäft nicht standhält dem Angebot des Tages. Hündische Angst vor Strafe, das ist das Zeichen des Gesinnungslosen. Schlechtes nicht tun, weil Strafe herannahen könnte, nicht morden aus Feigheit, betrügen m der Form, die das Gesetz nicht ausdrücklich erwähnt, den Sabbath halten und Hawdalah herbeisehnen, das ist das Zeichen jenes Gesinnungslosen, der den von Gott eindeutig abgefallenen Nichtguten verflucht. Das Zeichen des Lauen, der den Nichtguten fürchtet, der aus seiner Gesinnung heraus Böses setzt, der die Thefillin nicht legt, sondern sie zu Boden wirft, — bis zur Stunde, da er bereut. Gut werden dann die Nichtguten sein, aufgetan auch ihnen die Hallen der künftigen Welt, denn ihre Reue ist Tat große Tat aus der Gesinnung heraus, während die Reue des thefillinlegenden Wucherers Gesinnungslosigkeit ist, Furcht, Feigheit und die letzte Hoffnung auf ein Geschäft. »Was-soll Israel tun?« fragt Buber. Wie kann Israel die ihm auferlegte Mission weitertragen? Leicht wäre es zu antworten : Die Gesinnung des Volkes wecken. Ungeheuer steht aber da die Frage auf: kann sie erweckt werden? Kann dieses Volk in diesen Tagen den Maschiach verwirklichen, da Keiner den Mut hat, es wieder vierzig Jahre durch die Wüste zu führen. Buber versucht einen Weg zur Wiederverwirklichung Israels aufzuzeigen, den Weg^ zur Gemeinschaft. Ein Hoffnungsstrahl glimmt auf vor dem angstverschleierten Auge, doch bald brechen wir wieder nieder unter der Schwere unserer tragischen Erkenntnis. Gibt es denn wahre Gemeinschaft, die nicht auf der Gesinnung aufgebaut ist, auf der Gemeinschaft sgesinnung, die jenseits ist von Zweck und Kompromiß, jenseits von Macht und Machtbetonen und jenseits von Zwang und händlerischer Politik, die nur aufgebaut ist auf dem Verwirklichungswillen der Einzelnen, auf der großen Forderung: der Einzelne muß »Gott in der Welt verwirklichen«, die Welt geistig verklären. 191