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Esra · 1919-01-01 · Heft 5 · p. 155

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Esra
Volume
1 (1919-1920)
Issue
Heft 5
Article
Judas Ischariot und die Anderen
Date
1919-01-01
Page
155 (sequence 6)
Language
German
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der Verräter, und das glühende Naß versengte in gleicher Weise die reinen und die unreinen Lippen." Einige Tage, nachdem das Schicksal sich vollendet hat, erscheint der Verräter im Kreise der trauernden Jünger, die bei seinem Anblick vor Schrecken und Wut erstarren. Mit diesen Gerechten und Frommen rechnete er gewaltig ab, endgültig legte er ihre Kleinheit bloß, prophetisch. Wer konnte es besser als er, der doch am besten um Gott Bescheid wußte und um seine Diener. „—Ich gehe zu Ihm—sprach Judas und streckte die Hand majestätisch empor. — Wer geht zu Ihm, mit Ischariot? — Ich! Ich gehe mit dir! — rief Petrus aufspringend. Aber Johannes und die anderen hielten ihn fest und sprachen : — Wahnsinniger! Vergißt du, daß er den Meister überantwortet hat in die Hand der Feinde? . . . jSeine letzten Worte, bevor er sich die Schlinge anlegte, die ihm die Pforte zum Himmelreich werden sollte: — Hörst du Jesus? Wirst Du mir jetzt glauben? Ich gehe zu Dir. Grüße mich freundlich, denn ich bin sehr müde Und dann kehren wir beide Arm in Arm zurück auf die Erde, wie zwei Brüder, nicht? . . Grüße mich freundlich, ich bin sehr müde, Jesus!" Wann endlich werden wir ihn sehen, Judas, den wahren Menschensohn in seiner Glorie? MEIR WIENER Ein Buch für die Jugend Wer sich mit der Aufklärung der jüdischen Masseri abgegeben hat, müßte zu seinem schmerzlichen Erstaunen bemerken, daß fast Alle, Groß und Klein, von der Geschichte der Juden s6 gut wie nichts wissen. Einzelne Daten, wenige Namen, die meisten vage und nebelhaft — das ist das gewöhnliche Um und Auf der Kenntnisse [ Fast nie darf man Genaues wissen* über das Maß des von unseren Ahnen Erduldeten erwarten, fast nie stößt man auf mehr als schattenhafte Vorstellungen von dem monumentalen Kulturschaffen der Juden in den vergangenen Zeiten. Am frappantesten ist diese profunde Ignoranz bei der Jugend. Die Schule gibt den Kindern und dem jungen Volke keine plastische Vorstellung von jenen schwarzen und goldenen Geschehnissen. Der Mangel an posthumem Miterleben der nationalen Ereignisse, das Fehlen der geschichtlichen Schulung ist sicherlich mit die Ursache, daß die alte Ghettopsyche noch hoch hinaufreicht in 'die sich frei fühlenden Schichten. Derselbe Grund gilt für die Unfähigkeit des objektiven Beurteilen* des Gewesenen, die man auch bei Gebildeten findet. Wie soll dabei der Jude das Seiende oder gar das Werdende 155

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