Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Judas Ischariot und die Anderen
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 151 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Kämpfe der Ringenden, wenn sie auch meistens erfolglos bleiben {sittliche Kämpfe, gegen sich wie gegen andere, sind für den beireffenden Kampfall immer, wie sie auch ausfallen, erfolglos; der Erfolg kommt erst frühestens beim nächsten ähnlichen Fall), denn in Dingen der Sittlicheit ist der Erfolg belanglos: rachmana Hba baeah! Wem sich je diese Frage aufgeworfen hat, weiß wie nahe sie das innerste Leben der Sittlichkeit berührt, und welche praktische Bedeutsamkeit ihr zukommt. Zur Lösung dieser Frage ist zu überlegen: Die Sittlichkeit des Menschen beginnt mit dem Streben, das aber setzt einen mangelhaften Zustand voraus an dem auch das Bewußtsein der Mangelhaftigkeit haftet. Dem Sittlich-Strebenden muß also das Bewußtsein seiner Sündhaftigkeit lebendig sein. Nur der nichtsittliche Mensch kann sich selber gegenüber rein und gut dastehen, oder der sittliche, sofern er eine Station erreicht hat, in deren Ruhe er erstarrt. Die Reinen aber werden schon so geboren, die ursprüngliche, selbstverständliche Reinheit, die sich selber nicht einmal bewußt zu werden braucht um zu wirken, findet sich nur bei sittlichen Erben, mehr ein Verdienst der Väter, als eigenes — ihrem Wesen nach aber jedenfalls ein sittlich negatives Moment, nämlich ein Aufhören der sittlichen Funktion. Die vom Reinheitsbewußtsein Durchdrungenen sind meistens „Pharisäer" in der anrüchigen Bedeutung des Wortes. Vom ahnenstolzen Erwähltheltsdünkel umnebelt, verdanken sie dieses Bewußtsein dem Streben der Väter, oder, in selteneren Fällen, dem eigenen früheren, vor dem Absterben der sittlichen Funktion in ihren Seelen* Allerdings gibt es auch menschliche Blüten, deren Wesen selber, so sehr Sittlichkeit wurde, sei es durch eigene oder der Väter Arbeit, daß fast jede weitere sittliche Funktion bei ihnen ohne Schaden ausgeschaltet bleiben darf. In ihnen konzentriert sich das Ergebnis der Arbeit von Geschlechtern. Diese Lauteren sind zweifellos die Aufgabe, <las Ziel der Sittlichkeit. Den Weg zu ihnen, zu diesen Erfreulichsten, wenn auch Verdienstlosen, bahnen durch gigantische Leistung die — aussätzig Geborenen, die zu Gott streben. 3. Jehudah isch Krijoth erschien den Menschen, die ihn zu kennen glaubten (solchen legt Andrejew das Urteil in den Mund, es offen lassend, ob er selber damit einverstanden, ist, ob es vor Gott bestehen kann) habsüchtig, tückisch, schmeichlerisch, gefällig und listig, zur Lüge und Verstellung geneigt, immer Böses sinnend, von allen gehaßt, alle hassend, vom Teufel gehetzt, hastend, eckelhaft kriecherisch, schleimig-schlüpfrig, kurz ein Ausbund der Finsternis — uns erscheint er, dieser zerquälte Hiob; dessen Widersacher in seiner eigenen Seele im Hinterhalt lag, von einer titanenhaften sittlichen Größe, wie wir sie sonst nur noch bei einigen biblischen Menschen wahrnahmen. Neben Jehudah ist Jeschu (in Andrejews Buch — gewissermaßen aber Evangelien, denn was wissen wir von seinen inneren Kämpfen und auch 151