Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Judas Ischariot und die Anderen
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 150 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ANHERKUNQEN Judas Ischariot und die Anderen i. Leonid Andrejews Buch Judas Ischariot enthält kein Wort zur Rettung des Verräters, verharrt scheinbar eher im Gegenteil in volkstümlicher Verdammung des Judas. Und. doch werden wir hier, wie selten sonst mit solcher Entschiedenheit, vor die Wahl gestellt, uns zu entscheiden, entweder für den „natürlichen Guten", Gottbegnadeten, kampflos Heiligen, dessen Sünde selbst Gottesdienst ist, oder für den Krummgeschaffenen, der ein Leben lang schwer mit seinem Gott ringt, und unter der schweren Bürde aufwühlend, gar oft auch schönheitswidrig keucht, stöhnt und wimmert, in grauenhafte Abgründe taumelt, Gott nachjagend, der vor ihm flieht und boshaft sich versteckt. Jehudah verriet seinen Rabbi, und fand doch, nur er allein in all seiner Zweideutigkeit, den Mut, ihm bis zum Letzten zu folgen. Gewiß nur er allein harrte sehr bei ihm aus, um sich mit eigener Hand zu kreuzigen. Kein Hahnenschrei erwischte ihn beim Verleugnen — er allein, der große Lügner, hat Zeugnis abgelegt von seiner Liebe und Seinern Glauben, ein unendlich schwereres Zeugnis, als das seines Rabbi. Gewiß war Jehudah isch Krijoth, der Verlogen-Krumme tragischer als sein Meister, — sein „Verrat" wie sein Tod ein absoluteres Opfer. Jehudah isch Krijoth war der wahre Menschensohn. Jeschu wird erst zum Menschensohn durch die sein Wesen interpretierende Gestalt des Judas. Das Buch Andrejews ist sehr schlicht gehalten, fast volkstümlich — und gehört zu den erschütterndsten Büchern der Weltliteratur. Alles was er sonst noch geschrieben hat (mit Ausnahme des Lazarus, in dem das Grauen des Unendlichen biblischen Atem haucht ist daneben sehr nebensächlich. Aber, daß Andrejew Jehudah isch Krijoth, den zu Gott strebenden Menschen schlechthin, den lebendigen Gottkämpfer, den Jissra-el, der mit Gott rang und siegte, nach zweitausend Jahren borniertester Verleumdung durchschaut und trotz all seiner nicht wegzuleugnenden Erbärmlichkeit, auf den ihm gebührenden Thron gehoben hat macht ihn zum großen Jünger der zwei Propheten Rußlands. 2. Wer ist gut, der natürlich Gute, der ohne Anstrengung heilig ist — gleichviel, ob er will oder nicht, oder der natürlich Böse, der sich zwar heilig zu sein sehr bestrebt, trotzdem aber unheilig bleibt? Die einen entscheiden sich für den ersten, weil uns die seelischen Verdienste nichts anzugehen haben, und nur nach dem was vorgefunden wird, geurteilt werden soll; andere wieder preisen die inneren 150